Mein erstes Wave-Gotik-Treffen (6): Gefährliche Elixiere, Met und Miezen

“Erwacht aus einer dunklen Nacht, der ich nicht leicht entrinnen kann. Erholung hat sie nicht gebracht, nun bricht ein neuer Morgen an“. Erraten, wohin mich führen sollte mein letzter Tag? Ein geheimnisvoller Zaubergarten auf meiner Route lag.

Rappacini hielt gefangen dort, die schöne Tochter Beatrice. Der Zauber-Garten mit der schönen Pflanze ihr Verlies. Bei ihm bleiben sollte sie für alle Zeiten, drum gab er ihr das Gift. Fortan bei Berührung jedes Wesen stirbt, auf das sie trifft. Doch ein Jüngling sieht die Holde im verwunschenen Garten. Flugs sind neu gemischt Rappacinis falsche Karten. Befreien will der Jüngling sie – doch wie stellt er’s an? Glück hat er – auch Rappacinis alter Feind eilt zur Hilf‘ heran. Da sieht der Vater rot – das wird bestimmt ein Liebestod.

Rappacinis Tochter – Ein schaurig-schönes Gothic Musical, das sich mir da im Centraltheater auftat. Mit druckvoller Musik von der Gruppe “Aeternitas“, in der auch der Hauptdarsteller Alexander Hunzinger involviert ist. Ein bisschen “Rocky Horror“, eine Brise “Tommy“. Und “gothic“ im Untertitel verrät nicht allein eine Hintergrunds-Liebe zur Metal-Szene, sondern auch zur Gespenster- und Schauergeschichte.

Sowohl die 1844 entstandene literarische Vorlage Nathaniel Hawthornes, als auch die Verfilmungen aus dem Jahr 1963 mit Vincent Price inspirierten Hunzinger zu diesem Stück, erzählte er mir im Foyer des Centraltheaters.

Herausgekommen war ein im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnetes (Rock & Pop Preis 2008) Musical, schön abgespeckt – ohne singende Darstellermassen wie bei “Starlight Express“ – sondern eher gesungenes Theater gewürzt mit ein wenig Gothic Metal und Spinett. Auch das Bühnenbild war mit einfallsreichen Requisiten ausgestattet, bestehend aus rollbaren Betonklötzen – beliebig umfunktionierbar. So wurde daraus mal ein Balkonaustritt, ein Tisch und im nächsten Drehmoment ein düsterer Garten.

Dem Publikum gefiel es. Die Begeisterung war im Foyer des Schauspielhauses zu beobachten, in das nach der Show zum “Rappacini Stand“ geladen wurde. Private Fotosessions, Autogramme, Händeschütteln, lachende Gesichter.

Auch ich nutzte die Gelegenheit mit dem Regieassistenten Ralf Sandberg zu sprechen. Die “musicalische“ Erfolgsgeschichte feierte zuerst in Hamburg Erfolge, erzählte er mir. Die Eigenproduktion wurde zwei Jahre lang konzeptioniert und ein Jahr lang an der Umsetzung gefeilt. Soviel Arbeit mit einem kleinen Team von höchstens 18 Leuten. Das ist erstaunlich, weil viele das Stück nebenberuflich auf die Beine stellten und sogar Bühnenbild und Requisite selbst produzierten. Das Stück muss soviel Wohlklang ausgestrahlt haben, dass sogar der 2009 noch als Geschäftsführer der Leipziger Oper umtriebige Alexander von Maravic gesichtet worden war, freute sich Sandberg.

Rappacinis Tochter war neben dem “Krypta-Konzert“ im Völkerschlachtdenkmal wohl eines der am beliebtesten und best besuchten Veranstaltungen der “Classic Gothic“.

Großer Beliebtheit scheint sich auch das “heidnische Dorf“ zu erfreuen, das es für mich im Anschluss zu inspizieren galt. Also auf zur Zeitreise ins Mittelalter. In der Zeltdorf-Umgebung am Torhaus Dölitz herrschte heitere und ausgelassene Stimmung. Ob das wohl am Met lag? Denn krügeweise Met und gefüllte Fladen wurden hier in Unmengen verschlungen – trotz der mitunter stolzen Preise.

Insofern man noch in der Lage war, konnte man im “Heidnischen Dorf“ auch etwas über das mittelalterliche Handwerk lernen – nämlich wie Ritterrüstungen gestrickt und Hanfbackwaren hergestellt werden. Geraucht wurde nichts davon. Dafür wurde umso mehr getrunken.

Doch das absolute Interesse galt aber zweifelsfrei dem Honigwein und für den Treffen-Met-Stand lief es hervorragend – “im Vergleich zum Vorjahr haben wir das dreifache des Umsatzes gemacht“, strahlte da Mitarbeiter Henri Kramer. “Nur die Met-Sorte “Lieblich“ wurde in diesem Jahr ein wenig verpönt.“

Mit Ritterrüstungen und lieblichen Miezen ging dann das Mittelalter auf der Agra weiter. Die Gaudiritter von “Feuerschwanz“ luden zum wilden Reigen. Mit fetzig-tanzbarem, mittelalterlich-folkigem Sound entfachten sie ein Animations-Feuerwerk nach dem anderen, der Funke sprang über und der ganze Saal tobte. “Wir haben das Feuer, ihr nehmt in den Mund den …“, rief es aus dem Blechwald. Das Publikum konnte nur an das eine denken – Schwanz! Für Wortspiele ist des “Hauptmanns geiler Haufen“ ja allerseits bekannt. Jedoch wörtwörtlich gemeint war das Versprechen beim letzten Lied, hinterher alles zu signieren, was man ihnen hinhält. Die Gelegenheit wollte ich auch nutzen, um mir wenigstens den Treffenplan signieren zu lassen und fand mich, upps, tatsächlich inmitten entblößter Frauenschenkel und Dekolletés wieder.

Ruppig und sanft mittelalterte sich der nächste Showact durch die kommenden dreißig Minuten und auch “Steffie“ kam nicht drumherum, kräftig mitzufeiern, denn sie wurde kurzerhand von “Schelmisch“ zum Song “Das Moor“ auf die Bühne geholt – zum Mitsingen und Anitamtionsübungen vollführen. Händchen in die Höh‘, synchron winken und klatschen – die Fans liebten es und so wurde kräftig um die Wette geklatscht. Verschmitzt ließ der Sänger noch seine Fans wissen, dass er sicher ist, sich mit der professionellen Lichtshow des Abends die ganze Jahresration Solariumbräune abgeholt zu haben.

Eine Lichtshow der anderen Art ließ sich die “Letzte Instanz“ einfallen. Nach einem fast unerträglich langen Intro und schwarzem Vorhang ging es urplötzlich los mit einer bombastischen Bühnenausleuchtung. Na blendend. Mein Augenlicht war erst mal eine Weile spurlos verschwunden. Macht ja nix, geht ja um die Musik der Dresdner Kapelle. Und die schien gut anzukommen – auch hier war wieder fast jede Sparte der schwarzen Szene voll dabei und am abfeiern. Macht mal schön. Als ich die Truppe auf dem With Full Force mitbekam, dachte ich mir, … na prima! Bier zischen ist außerdem in der Agra wirklich nicht toll, also ab in die City.

Abschlussparty in der Moritzbastei. Darf man ja nicht verpassen, wurde ich aufgeklärt. Das war ein Blick, der sich da im proppevollen Gewölbe erschloß – jede Menge Gothic-Punks, Metal-Fans und Kostümierung aller Farben lugten hinter jeder Ecke hervor. Futurismus, Gegenwart und Vergangenheit Fuß an Fuß, oder Hüfte an Hüfte, Mund an Mund. “Schlauch-Haar-Mädchen“ im Cyborg-Look stolpertn neben Fetisch-Damen in Lack und Leder an mir vorbei. Kostüme, die mehr enthüllten als verborgen hatten. Inklusive Düfte, die nicht aus den Tiefen des Schminkköfferchens kamen. Gleich werd‘ ich wirklich blind, auf Augen und Nase. Man wollte es nochmal so richtig wissen am letzten Tag. Ich nicht. Ich warf noch einen Blick auf das bunte Treiben, sah, wie eine Szene sich in Leipzig richtig wohl fühlte und sich freute, nächstes Jahr wieder dabei zu sein.

Ich für meinen Teil war fürs erste mit der Reizüberflutung beschäftigt und fragte mich, ob das anderen auch so geht – dass man irgendwann nicht mehr aufnahmefähig ist und alles ausblendet, was irgendwie extrem aussieht?

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