Mein erstes Wave-Gotik-Treffen (4): Adolfs Gebiss und Stukas im Visier

Der Samstag sollte obskur beginnen – diesmal nicht mit Musik, sondern einer Lesung. Das hielt das WGT nämlich auch für seine Besucher bereit. Und macht das noch immer. Meine erste war die von Dr. Mark Benecke und ich machte mich gespannt auf den Weg. Sie entpuppte sich als waschechte Vorlesung.

Riesenandrang vor dem Werk II – ein klares Indiz, dass Herr Benecke in der Szene schwer beliebt sein muss. Etwa 500 Leute drängten sich in die bestuhlte Halle A und noch mehr mussten sich wieder trollen, weil kein einziges Plätzchen mehr frei war.

Doch was hat es eigentlich mit Dr. Mark Benecke auf sich? Nun, er ist Kriminalbiologe – und alle hier Versammelten kamen um von ihm zu hören, wie man anhand der Analyse von auf Leichen befindlichen Insekten und Maden die Liegezeit eines solchen Körpers bestimmen kann. Darüber hinaus kennt er sich auch mit Blutspuren und allerlei anderen ermittlungsrelevanten Fachthemen aus, was ihn zu einem geschätzten und viel beschäftigten Mitarbeiter der Polizei, sowie gefragten Unidozenten im In- und Ausland macht.

Benecke hat nicht nur einen außergewöhnlichen Beruf, er ist auch als Person außergewöhnlich, fand ich schnell heraus. Gleich zur Begrüßung offenbarte er lässig seinem Publikum: “Ich habe als Kind kein Fußball gespielt, ich habe mich mit Biologie beschäftigt – ich war ein Nerd. Ihr seid wahrscheinlich auch alle Nerds, denn sonst wärt ihr ja nicht hier. Gelächter allerseits. Und dann hieß es “Augen auf und Fotoapparate weg!“, denn das was der Schnellsprecher nun in einer selbst gemachten Slideshow präsentieren sollte, besteht aus authentischen Bildern von echten Kriminalfällen.

Doch zunächst ließ Benecke die Besucher entscheiden, welchen Vortrag sie gerne hören würden. Die Wahl fiel auf “Hitlers Zähne“. Die gespannten Hörer erfuhren, dass er der einzige Forensiker ist, der Hitlers Zähne und Schädelfragment untersuchen durfte. Zur Feststellung seiner Todesursache. Wie starb der alte „Adi“ nun? Durch eine Kapsel Gift und den Lauf seiner Knarre, wusste ich bis jetzt von Chef-TV-Historiker Guido Knopp. Und woher wusste er das? Mit unterhaltsamen Bildern und Bemerkungen zu russischen “Sicherheitsmaßnahmen“ im Moskauer Staatsarchiv kam Benecke zum Schluss, dass sich der ehemalige “Führer“ vergiftet und erschossen habe. Und da es zu Hitlers Zähnen gar nicht so viel zu erzählen gab, lockerte Benecke seinen Vortrag mit kleinen witzigen Anekdoten über den russischen Alltag auf. Da wurden die Schädelfragmente zwischen Erlebnissen von lustigen Archivarinnen, Kuchen und Tee serviert.

Mit tänzelnder Leichtigkeit und bester Erklär-Bär-Manier ging er dann noch auf den Beruf des Forensikers ein – fern von Ermittlungsmethoden aus TV oder Kino. Eine junge Frau aus dem Publikum warf ein, dass sie das sehr interessiere und vielleicht auch zu ihrem Beruf machen will. Benecke stutzte. Es war dann äußert faszinierend zu hören, was man von Insekten und Maden alles erfahren kann, dass Leichen als reine Spurenträger zu betrachten sind und was Massenmörder so zu ihrem Tun veranlasst. Alles unterlegt mit “aussagekräftigem“ Bildmaterial. Ich war froh, dass Bilder nicht riechen und mein Frühstück da blieb wo es war. Und vermutete stark, dass sich die junge Frau nach diesem Vortrag ganz bestimmt umentschieden hat.

Nach diesem unterhaltsam makaberen Einstieg eilte ich los zum Kohlrabizirkus um mich zum vereinbarten Interview mit Martin Axenrot von der schwedischen Metal-Band “Opeth“ zu treffen. Der Tourmanager erwartete mich auch schon und alles war vorbereitet. So, blieb nur noch das Gehirn von Deutsch auf Englisch umzuswitchen und loszufragen. Denn Schwedisch beherrsche ich nicht. Und Axenrot kann kein Deutsch. Das Interview gestaltete sich richtig angenehm und der Trommler stellte sich als natürlicher und unkomplizierter Zeitgenosse heraus. Er verriet, dass er wegen dem am Abend bevorstehenden Konzert schrecklich aufgeregt war. Das war deutlich sichtbar. Er schlotterte eigentlich am ganzen Leib. Mit klappernden Zähnen. Für den Fotografen gab es Erinnerungsfotos aus seiner eigenen Kamera und unbenutzte Drumsticks aus der Tasche des Drummers.

Und da ich schon mal vor Ort war – am Spätnachmittag sorgten “Megaherz“ im Kohlrabizirkus für eine richtig volle Halle in der überraschenderweise fast jede Szeneklientel vertreten war. EBM-Fan neben Metal-Fan und romantisch anmutenden Damen aus dem 19. Jahrhundert. Wunderbar.

Einen erfolgreichen Auftritt hatte im Anschluss auch “Draconian“ am frühen Abend. Ihr intelligent und gefühlvoll vorgetragener Doom Metal mit opernhaften Gesangsleistungen der Sängerin Lisa Johansson war sehr stimmungsvoll und augenscheinlich auch sehr beliebt. Klar erkennbar an den himmelhoch jauchzenden Publikumsreaktionen. Am Ende der Vorstellung wollte man sich gar nicht von “Draconian“ trennen und es wurden tatsächlich kleine Abschiedstränen auf der Bühne vergossen.

Meine nächste Station führte in feindliches Gebiet zur umstrittenen Gruppe “Feindflug“ und ich nahm in der Agra die “Stukas mal ins Visier“. Die Straßenbahnfahrt zuvor gestaltete sich zumindest witzig – Freunde von mir und ich drängelten uns als Grüppchen in die überfüllte Bahn und unterhielten uns über die Köpfe der Anwesenden hinweg, weil wir durch das Gedränge auseinander gerissen wurden. Ich rief nach einem witzigen Wortwechsel einem Freund zu: „Du, ich hab gehört, Feindflug ist rechts!“ Auf einmal brüllte der gesamte Wageninhalt aus EBM-Mützen und Glatzköpfen laut auf. So was komisches!

Uniformen, Trommeln und ein Frontmann, der nicht sang – was sich mit zugeklebtem Mund auch nicht bewerkstelligen ließ. Gewürzt mit Wortfetzen und Bildern aus Zeiten des 2. Weltkriegs wurde zu kalten, maschinellen Klängen getrommelt, was das Zeug hielt. Tanzbarer Rhythmus, wo die Menge mit musste. Was sie auch ausgiebig tat – Mundschutz-Tanzen bis der Arzt kommt. Aber der kam nicht. Dafür die Security. Denn das WGT war und ist gut organisiert und hat ein waches Auge auf Unerwünschtes. Für drei Personen im besonderen „Fetish“-Look fing die Party jedenfalls erst gar nicht an.

Für mich ging es weiter auf dem Mitternachtsspezial mit den Briten von “Current 93“, die aus der Szene gar nicht mehr wegzudenken. Hier bot sich ein anderes Bild – “Verkleidungen“ aller Art waren vertreten. “Current“ bretterte mit ihrem Frontmann David Tibet seine rockigen Neo-Folk-Lieder ins Publikum. Das lauschte auch zur späten Stunde ganz aufmerksam dem charismatischen Sänger. Später erfuhr ich, dass Current 93 extra fürs WGT eine eigens dafür hergestellte CD verkaufte. Damals entdeckte Tibet Krautrock für sich, bot aber eine Show aus verschiedenen Phasen seines unübersichtlichen Schaffens. Da man die Musik von “Current“ wirklich mögen muss – vor allem nach 1 Uhr nachts, verließ ich die Agra in Richtung meines persönlichen Höhepunktes. Des Abends, natürlich!

Zurück im Kohlrabizirkus musste ich mich erst noch einmal in Geduld üben. Meine Gedanken wanderten noch einmal zum Opeth-Schlagzeuger Martin Axenrot und seinem gleich bevorstehenden Auftritt. Seine Aufregung dürfte mittlerweile den Siedepunkt erreicht haben. Es ging endlich los. “Opeth“ spielte letztendlich nur sieben Lieder, aber jedes war mindestens zehn Minuten lang. Darunter die Klassiker “Closer“ und “The Leper Affinity“, die neben ihrer düsteren Aura auch Hoffnung ausstrahlen und natürlich nicht fehlen durften. “Opeth“ schafften es an diesem Abend einen großen Spannungsbogen aus neuen und älteren Stücken aufzubauen, auch wenn sich mancher etwas ganz altes aus der Bandgeschichte gewünscht hätte. Dabei traf ich wieder auf Freunde, die nur wegen diesem Auftritt WGT-Karten erstanden. Und Runden für Runden Bier ausgaben.

Rundum zufrieden konnte ich nun den Heimweg antreten und mein, randvoll mit Eindrücken gefülltes Haupt zur Ruhe betten.

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