Mein erstes Wave-Gotik-Treffen 2009 (3) – Germanenästhethik und waschechtes Leiden

Freitag, der erste offizielle Tag. Nachdem ich den proppevollen, fast schon unübersichtlichen Programmplan des WGT studierte – und das kommt fast einem Studium gleich – stand meine Route für die nächsten Tage weitgehend fest. War gar nicht so einfach, alles einigermaßen passend aufeinander abzustimmen, denn bekanntlicherweise kann man nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Was für diese Odyssee durchaus von Vorteil wäre.

Meine erste Station war das Cinestar, denn dort wurde zur Autogrammstunde geladen. Zusammen mit “Die Form“ fanden sich die Briten von „My Dying Bride“ ein. Herren, die ich 1993 das erste Mal im Conne Island antraf als sie zum Geburtstag von Sänger Aaron Stainthorpe ihre damals neue Scheibe „Turn Loose The Swans“ spielten. Der Andrang im Leipziger Programmkino im Petersbogen war groß. Vor dem Kinosaal 8 fand sich eine Menge schwarz gekleideter Leute, deren Interesse sich wohl doch eher auf “Die Form“ bezog – gleich dreißig bis vierzig Fans drängten sich um den Autogrammtisch. Das Interesse an den französischen Avantgardisten schien ungebrochen.

Geduldig wartete ich und endlich traf die Band, von den Fans auch liebevoll “Trauerweiden“ genannt, ein. Doch “My Dying Bride“ gaben sich betont zugeknöpft und unterschrieben alles, was man ihnen vorlegte. Viel gab es für sie nicht zu tun, denn höchstens 10 bis 15 Leute wollten sich mit der Gruppe unterhalten und fotografieren lassen. Für meinen Geschmack ein bisschen wenig, aber die Band sah es gelassen und trank in der Zwischenzeit ein Bierchen. Lockeres Angehen für den bevorstehenden Auftritt am Abend.

Meine nächste Station war dann zwingend die Agra, denn dort lag der Presseausweis für mich und meinen mich tatkräftig unterstützenden Fotografen bereit, der mich dort erwartete. Auf dem Weg zur Straßenbahn entdeckte ich, dass auch einige Geschäfte in der Fußgängerzone sich bestens auf das Wave-Gotik-Treffen vorbereitet haben. Wie zum Beispiel die Drogerie mit dem Namen von dem es auch Milch in Bechern gibt. Die Schaufensterdekoration geschmückt mit “Gothic“-Elementen, wie sündigen Dessous, heißen Strümpfe und Spitzenschirmchen – man hat sich gerüstet für die schwarzen Tage. Stimmt, so’n Strumpf reißt ja schnell mal. Dann kam mir wieder die Sache mit dem Geruch in den Sinn. Ich beschloss, bei den Duftexperten mal nachzufragen wie es mit der Patchouli-Nachfrage denn so bestellt ist. So viel Zeit muss sein.

Dann stand es fest: Kein Patchouli – denn weder Mensch noch Grufti sei an dieser Geruchsnote interessiert. Kein Interesse – kein Platz im Regal, wie mich die Mitarbeiterin der Parfümabteilung wissen ließ. Ich, wieder ein bisschen schlauer, bedankte mich und verduftete. Die kommenden Jahre sollte das sich wieder ändern.

Der Weg zur Agra mit der Straßenbahn gestaltete sich ziemlich unkonfortabel. Am Leuschnerplatz versuchte ich in die Sonderlinie zuzusteigen, was mir etwas Geschick und Bauch einziehen abverlangte um mich in die allerletzte Lücke quetschen zu können. Andere hatten nicht so viel Glück – der Transport ging ohne sie los. Von Haltestelle zu Haltestelle dasselbe Bild – lange, übellaunige Gesichter, weil ein Zustieg einfach nicht möglich war und es schien nicht die erste übervolle Bahn gewesen zu sein. Viele ergaben sich einfach ihrem Schicksal und nahmen den Weg zu Fuß um zum ersehnten Ort zu gelangen.

Eingetroffen an der Agra – endlich konnte ich wieder normal atmen und meine Arme bewegen – realisierte ich erst, wie viele Menschen sich überhaupt auf dem Festival befinden. Alle waren beschäftigt – mit Anmeldungen, Schlange stehen und Flanieren, man muss die kreative Gestaltung am lebenden Objekt ja auch schließlich gebührend präsentieren. Und man lässt sich sehr gerne fotografieren.

Und hier draußen auf der Agra relativierte sich dann auch der “Schwarzanteil“ – ganz schön buntes Gewimmel was sich da offenbarte. Eine Vielzahl einfallsreicher Kostüme – aufwändig und mit Liebe zum Detail – dazu kunstvoll und sorgfältig geschminkt. Wie lange sowas wohl dauert? Braucht man für das eine oder andere Teil Hilfe beim An- und Ausziehen? Kann man damit alleine zur Toilette? Bekam ich vielleicht ja noch durch vorsichtiges und diskretes Fragen im Verlauf des Treffen heraus.

Von meinem anfänglichen Gedanken, die Szene sei konform habe ich mich mittlerweile verabschiedet, denn hier prallen viele verschiedene, gar gegensätzliche Stile aufeinander. Es macht eher den Eindruck als würde ein Riss durch die Szene gehen und sich in verschiedene Lager aufteilen. Was sie jedoch tatsächlich alle verbindet ist die Liebe zum Verkleiden.

Ab und an hatte ich regelrecht das Gefühl, ich würde eine Erscheinung haben und mich in einem Film befinden, gedreht in längst vergangenen Tagen. Oder ich nahm den falschen Eingang und landete mitten auf der Love-Parade.

Die Messehalle von Wilhelm Kreis aus dem Jahr 1913, dem so genannten Volkspalast, war der nächste Punkt auf meiner Route. Dort sollten einige Neo-Folk-Bands wie die umstrittenen “Of The Wand And The Moon“ auftreten. “Of The Wand And The Moon“ wird gerne mal ein faschistoider Touch nachgesagt, denn die Dänen verbreiten eine eigentümliche Aura, arbeiten ausgiebig mit Germanenästhethik, eigenwilligen Texten und düsteren Covern.

Bei einer Anhängerin der Band wollte ich der Sache auf den Grund gehen – was es damit und mit den Verkleidungen auf sich hat. Dabei erfuhr ich aus ihrem Munde: “Sowas, wie eine systematische Unterwanderung der Gothic-Szene von rechtsradikalen Kräften ist immer schon und ständig im Gespräch. Bediene dich der Runen und schon bist du gleich mal fragwürdig. Auf jeden Fall sollte man immer genau hinsehen, was man da vor sich hat. Den Sänger Kim Larsen kenne ich persönlich und ich kann bei ihm nichts feststellen was auf einen rechten Rand verweist. Was die Verkleidungen betrifft – die Leute haben einfach nur Lust und Spaß daran, sich zu verkleiden, in Rollen zu schlüpfen und auch mal eine andere Seite vom Ich zu zeigen. Das macht das Treffen ja auch aus – hier kann man seiner Fantasie freien Lauf lassen, rumlaufen wie man will und es glotzt keiner blöd, weil ja alle so so rumlaufen. Einen richtig tiefen Sinn gibt es dahinter eigentlich nicht.“

Aus Spaß an der Freud‘ also. Spaß hatte ich in der total überfüllten Halle und der damit einher gehenden Hitze. An der Musik von “Of The Wand And The Moon“ nicht direkt. Ich lauschte eine Weile dem sanften Gezitter aus Triola, Trommeln und Wandergitarre. Klang alles irgendwie kraft- und zahnlos – ich konnte mir nicht recht vorstellen, dass die beißen könnten.

Höhepunkt meines Abends war aber “My Dying Bride“. Bloß gut, dass 2009 noch beide Auftrittsorte bespielt wurden – “Volkspalast“ und “Kohlrabizirkus“ so nah beieinander lagen. 2011 war bekanntlich nichts mit Kohlrabizirkus. Nach der eher mauen Autogrammstunde am Nachmittag war ich angenehm überrascht, dass doch noch so viele Menschen zu “My Dying Bride“ kamen. Und natürlich eine ganz andere Szenerie – keine “Pokemon“-Gothics mit Mundschutz und Plateau-Schuhen. Hier waren zurückhaltend gekleidete Leute zu sehen in schlichtem Schwarz, ohne viel Firlefanz dran. Auch alte Freunde, die mit Met und Bier in der Hand über die liegenden Menschen stolperten und eigentümlich kicherten

Die ersten Klänge von “My Dying Bride“ ließen auch gleich den Boden erzittern und ein paar Schlafende munter werden. Die Band stieg mit zwei neuen Liedern ihres kürzlich erschienenen Albums “For Lies I Sire“ ein. Nicht nur für mich war der Auftritt ein Triumphzug – denn sie treten nur selten auf und bestreiten auch keine Tourneen – deshalb wählen die Musiker sorgfältig die Lieder aus, mit denen sie ihre Fans beglücken wollen. So brüllte und keifte Aaron Stainthorpe laut “Turn Loose The Swans“ und seufzte leise “Cry Of Mankind“ ins Mikro.

Aaron Stainthorpe untermalte durch seine ausdrucksstarke Bühnenpräsenz seine bildhaften Texte. Er wandt sich, litt, trug den Schmerz der Welt in die Welt – so überzeugend und glaubwürdig, dass man ihm das ohne Probleme abkaufte. Sein Auftritt steigerte sich zum Höhepunkt mit einem heftigen Wutausbruch mit “The Dreadful Hours“ und klang mit dem wohl traurigsten Stück der Engländer, dem verhaltenen Lied “My Body, A Funeral“ aus.

Ein gelungener Auftritt, der mal wieder viel zu schnell vorbei war. Für mich war jedenfalls der Wunsch in Erfüllung gegangen, eine meiner Lieblingsbands in Leipzig auf der Bühne stehen zu sehen, die ich schon 1993 im Conne Island bewunderte.

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