Die Braut stirbt zuletzt: My Dying Bride im Interview

Beim 18. Wave Gotik Treffen waren die englischen Düstermetaller von “My Dying Bride“ für viele Fans der große Höhepunkt, denn die Gruppe aus Großbritannien gibt seit über einem Jahrzehnt keine zusammenhängenden Tourneen mehr. Grund dafür ist Sänger Aaron Stainthorpe, der einfach ungern jeden Tag dasselbe machen möchte.

Nur für die eingefleischten Fans gibt Aaron Stainthorpe nach und spielt mit seiner Band ausgesuchte Auftritte. Die Konzerte sind immer ein besonderes Ereignis, weil Stainthorpe seine Texte körperlich untermalt – als trüge er tonnenschwere Lasten von Weltschmerz auf den Schultern. Manche würden sagen, er trägt nicht seine Texte vor, sondern er windet sie aus sich heraus. Stainthorpe: ein Performancekünstler?

Der charismatische Sänger und Gründungsmitglied ist seit den Anfangstagen dabei – Hamish Glenncross kam 1999 dazu und ist seit dem Album “The Light At The End Of The World“ fester Bestandteil der Band. “My Dying Bride“ – von den Fans auch liebevoll “Trauerweiden“ genannt – macht seit zwanzig Jahren die Metal-Szene unsicher und haben in den Neunzigern mit Alben wie “As The Flower Withers“, “Turn Loose The Swans“ und “Like Gods Of The Sun“ Erfolgsgeschichte geschrieben. Das neue Album “For Lies I Sire“ soll die Erfolgsgeschichte fortsetzen und vereint das alte Markenzeichen – die seufzende Violine – mit dem dunklen Klang von Rosen und schwerem Wein.

Das war nicht immer so. Seit ihrem umstrittenen Album “34,788 … % Complete“ war die Violine mit dem Weggang des Violinisten Martin Powell Geschichte und wurde durch Keyboard-Arrangements ersetzt, die dem Sound von “My Dying Bride“ zu einem satten Klangteppich verhalfen. Doch sie fanden wieder zurück zu ihrem “klassischen“, weniger experimentierfreudigen Sound.

Aaron Stainthorpe gab zusammen mit dem Gitarristen Hamish Glencross Vorfeld des 18. WGT 2009 ein Interview. Beide sprechen zum neuen Album „“For Lies I Sire“ und plaudern über Persönliches.

Lieber Herr Stainthorpe, Herr Glencross, Sie haben ein neues Album veröffentlicht. Die Stücke legen wieder den “klassischen“ My Dying Bride-Klang frei. Wie kommt‘s?

Glencross: Ja, letztes Jahr brachten wir die Violine wieder zurück in die Band, und sofort verstehen die Leute das allein deswegen als “klassischen“ My Dying Bride-Sound. Wir spielten ein paar Shows bevor wir für das neue Album zu schreiben anfingen. Wir wollten nur sicher gehen, dass es ein natürlicher Vorgang ist, die Violine zurück zu bringen, und eben nicht in einem gezielten Prozess.

Ist diese “Neuerung“ mit der Violine für Sie wirklich so wichtig?

Stainthorpe: Es ist natürlich fantastisch, die Violine wieder in unseren Sound integriert zu wissen. Aber wir machen keinen großen Hype um das Ganze. Das würde nur von den ganzen anderen großartigen Instrumenten ablenken.

Können Sie etwas zur Studioarbeit und zum Songwriting zu “For Lies I Sire“ erzählen?

Glencross: Wir haben diesmal ein anderes Studio genommen. Wir haben das Album mit unserem langjährigen Produzenten Magz im wunderbaren Futureworks-Studio in Manchester aufgenommen. Diese Veränderung und der Fakt, dass wir in einem veränderten Line-Up Aufnahmen machen, hatte dazu geführt, dass wir ein wenig in Vor-Produktion gehen mussten, bevor wir das Studio enterten. So waren unsere Songs einigermaßen fortgeschritten. Wir besaßen so einen Vorsprung im gesamten Aufnahmeverlauf. Aber es gab noch Raum für Spontanität und sogar noch während der Aufnahmen schrieben wir noch einige Songs.

Stainthorpe: Und es gab keine Probleme im Studio, alles bestens also. Wir ändern uns alle mit fortschreitender Zeit. Unser neues Album hat die gleichen Themen und dieselben Klanglandschaften wie unsere vorigen Alben, aber hat neueres Blut mit einem Schuss Reife.

Wenn man ihre Texte liest, fragt man sich immer: Was für Bücher liest Herr Stainthorpe? Sind Sie von der guten alten englischen Literatur beeinflusst, oder gibt es da auch persönliche Erlebnisse, die Sie verarbeiten?

Stainthorpe: Größtenteils sind meine Lyrics von Literatur beeinflusst. Aber heutzutage kommen die Einflüsse auch vom TV, Kinofilmen, Geschichten über das Leben anderer Leute und natürlich auch über mein eigenes Leben. Doch ich lese noch immer sehr viel, so dass die meisten Texte von der Literatur beeinflusst sind.

Welcher Song von “For Lies I Sire“ ist ihr persönlicher Lieblingssong und warum?

Glencross: Im Moment ist mein Favorit “My Body, A Funeral“. Der Song ist der Schlüsselpunkt, als wir alle realisierten, dass wir mit dem Album etwas sehr spezielles schaffen würden. Und ich denke, das scheint durch diesen Song durch.

Stainthorpe: Noch ist der Eindruck zu frisch, dass ich mich entscheiden könnte. Frage mich in einem Jahr wieder.

Was können Sie zu dem mysteriösen Albumtitel erzählen? Im Englischen hat “sire“ verschiedene Deutungsmöglichkeiten und wer ist der Lügner?

Stainthorpe: Der Lügner ist ein Mensch, der auf das Wort Gottes beharrt um andere Menschen zu verändern, dass sie von ihrem vorigen freien und glücklichen Leben ablassen und dem “Glauben“ folgen, den sie eigentlich nicht wirklich wollen. Glaube ist meiner Meinung nach so eine Art Kontrollmechanismus für die Schwächeren, geschaffen von den Überlegenen.

Wenn man genau hinschaut, sind Sie ziemlich oft in Leipzig gewesen. Wenn Sie an Leipzig denken, was kommt Ihnen in den Sinn?

Stainthorpe: Da haben Sie recht, wir sind hier ziemlich oft. Ich denke, dass die Anhängerschaft für uns bei euch ziemlich stark ist und so ist es nur fair und wichtig, diese Loyalität wieder zurück zugeben. Und eigentlich ist Leipzig der von uns meist besuchte Ort! Wow!

Ich denke mal, Sie waren schon fünfmal in Leipzig. Da waren zum Beispiel die Auftritte 1993 und 1995 im Conne Island. 1995 spielten Sie auch im Vorprogramm von Iron Maiden und zuletzt 2004 und 2009 auf dem WGT. Können Sie sich an den besten und schlechtesten Auftritt in Leipzig erinnern?

Glencross: Wave Gotik Treffen 2004 war ein großartiger Auftritt von uns. Wir spielten überraschenderweise einen sehr brutales Set für ein Gothic Festival und wir haben es wirklich sehr genossen. Unsere jetzige Bassistin Lena Abé war damals noch im Publikum als Gast anwesend. So hat dieser Auftritt einen sehr historischen Faktor für uns. Das letzte Mal spielten wir beim With Full Force, wo wir sehr sehr müde waren. Wir haben zwei Tage lang nicht geschlafen und spielten sehr sehr spät. Die Show ging ganz gut, aber es war nicht unsere beste.

Ihr seid nun so oft in Leipzig gewesen. Habt ihr jemals etwas von dieser Stadt gesehen?

Glencross: Unglücklicherweise noch nicht. Hoffentlich können wir demnächst in diesem Jahr hier ein wenig Zeit verbringen um uns mit den Fans zu treffen und Sightseeing zu machen. (Die Band hat es zumindest zu einer Autogrammstunde auf dem Wave Gotik Treffen geschafft, wo sie sich mit Fans fotografieren ließen, Anm. d. Verf.)

Ihre Konzerte sind sehr speziell, weil Sie nicht wie üblich auf Tour gehen. Sie spielen nur einzelne Auftritte auf Festivals. Eines der nächsten ist das With Full Force. Was erwarten Sie von diesem Auftritt?

Glencross: Es ist schon ein Weilchen her, als wir zuletzt hier auf dem With Full Force spielten. Ich freue mich schon sehr darauf, wieder hier spielen zu können. Ich verspreche einen sehr breitgefächertes Programm mit den neuen Songs, aber auch sehr alten. Ich hoffe, wir bekommen eine gute Länge, weil unsere Songs eben extrem lang dauern!

Wenn ich im Gegenzug an eure Heimatstadt Halifax denke, so kommt mir das Bild einer hübschen Kleinstadt mit vielen alten Gebäuden auf. Was sind eure Lieblingsplätze bei euch zuhause?

Stainthorpe: Nun ja, jede Stadt hat seine guten und weniger guten Ecken. Das Alte Rathaus ist sehr schön, aber auch unsere “Piece Hall“ (eine Art spätbarocke Markthalle und Kulturzentrum im Stil eines vierflügeligen Schlosses oder Campo Santo, Anm. d. Verf.) und unser Victoria Theater. Die umliegenden Hügel wirken sehr inspirierend und das wunderschöne York ist nicht allzu weit.

In einem Interview erwähnte Mr. Stainthorpe, dass es ihn nichts ausmache kein Geld mit Musik verdienen zu können. Macht es Ihnen etwa nichts aus, dass manche Leute eure Alben frei aus dem Internet saugen?

Glencross: Na klar macht es uns was aus, wenn Leute Musik stehlen. Langfristige Konsequenz ist, wenn Leute kostenlos Musik saugen, dann haben Bands und Labels kein Budget mehr für neue Alben. Das macht die gesamte Zukunft von Musikaufnahmen zu einem Risiko.

Denken Sie über neue Vertriebsformen nach, wie es eure Musikerkollegen von Radiohead mit ihrem Album “In Rainbows“ taten (das Album wurde im Internet auf der offiziellen Internetseite für einen frei wählbaren und individuellen Preis angeboten, Anm. d. Verf.)?

Stainthorpe: Ein gefährliches Spiel, wie ich finde. Wir bleiben bei der guten alten CD. Dazu gibt es nämlich auch ein gutes Artwork und ein Heftchen mit allen Texten, Fotos und Infos zum Album. Für unser neues Album haben wir auch eine Special Edition mit T-Shirt. Unsere Promo-Kopie, die an die Magazine für die Albumkritik gehen, sind in 99 Songs aufgesplittet. Das sollte die Leute davon abhalten, die Kopien illegal auf Server zu laden. Für mich wäre es unvorstellbar irgendwas zu downloaden, sogar auf legalem Wege.

Könnten nicht Labels und Musiker einen Weg finden, mit den Fans direkt darüber zu kommunizieren, was sie wollen und was nicht?

Stainthorpe: Oh, da haben wir ein Online-Forum eingerichtet und unsere Fans diskutieren da immer über alles, das uns und Doom Metal überhaupt betrifft. Wir finden das echt gut, weil es ein sozialer Weg ist, direkt mit den Fans zu kommunizieren, die dieselben Dinge mögen. Manchmal kommt auch ein Bandmitglied ins Forum, was die Fans natürlich sehr lieben.

Freuen Sie sich auf die Auftritte in Deutschland (“With Full Force“) und Slowenien (“Metal Camp“)?

Glencross: Na klar! Ich hoffe, wir sehen uns auf unseren kommenden Konzerten. Unser Album erschien am 23. März und wir können es kaum erwarten, wie die Leute darauf reagieren.

Stainthorpe: Nun ja, ich freue mich nie auf irgendwelche Auftritte. Aber der Rest der Band tut es sehr. Ich genieße zwar das Reisen, das Treffen mit anderen Menschen und das Abtasten ihrer Kulturen, aber live zu spielen ist für mich echt schwierig und unkomfortabel. Ich tue es für die Fans und die anderen Bandmitglieder, die meine Präsenz abgöttisch lieben.

Haben Sie noch letzte Worte an die Fans?

Stainthorpe: Wir sehen uns hoffentlich bald und Danke für euren unsterblichen Support!!! Wir schätzen euch sehr!!!

Vielen Dank, und für alles viel Glück.

Stainthorpe: Prost, Daniel.

Glencross: Cheers!

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