Rau und martialisch: Sol Invictus hält den grausamsten Monat für ihre Fans bereit

Was hat der dicke Tony dir getan?, wurde ich nach der Rezension des 2011 erschienenen Sol-Invictus-Albums „The Gruellest Month“ gefragt, als ob ich etwas gegen den Ex-Crisis- und Ex-Death-In-June-Musiker hätte. Nur das Album ist nicht gelungen, entgegnete ich dann oft. Klar, dass auch ein paar Hintergründe des Mannes aufgezählt werden mussten, die nicht ganz unstrittig sind. Aber inzwischen relativiert sich das Ganze selbst. Nur die Fans kann  sich Tony Wakeford leider nicht aussuchen. Hier ein Artikel, der im Mai 2011 kurz vorm Wave Gotik Treffen erschien.
In ihren Gemütern wachsen keine Blumen. Monoton, martial trommelt’s auf Pauken und Kehlköpfen. Sonore Stimmen begleiten die Marschmusik, die meditativ verstanden werden soll. Aber entspannen kann sich bestimmt keiner bei der neuesten „Wohnzimmeraufnahme“ aus dem Hause Tony Wakeford. Eine Heizung hat der Mann offenbar auf „The Cruellest Month“ auch nicht angemacht.
Denn sonst würde sich anheimelnde Atmosphäre beim Hören der Stücke breit machen, würde sich die 1987 gegründete und einst nicht ganz unumstrittene Band auf eine Zeitreise begeben, die den Namen Folklore auch gerecht wird. Aber Mittelalter ist nicht hier angesagt.
Auch nicht Antike oder Keltentum. Man sieht sich als Avantgarde. Aber neues außer düsteres Wanken und bedächtiges Grölen besitzt die Musiksparte „Neo Folk“ nicht viel, außer peinliche Zurschaustellungen von brachialen Worthülsen, musikalischem Muskelspiel und einen seltsamen Dunst aus Mystik, Welterneuerertum und freudlosem Marschieren durch die Lieder.
Woher kommt das nur? Man kann nur vermuten. Die Briten sind immerhin Nachfahren der germanischen Stämme der Angeln und Sachsen, ein paar Wikinger haben sich auch darunter gemischt. Auf der Insel war man unter sich, hat sogar einen schwulen König mit glühender Stange angeblich aufgespießt.
Rohe Sitten hat es noch bis ins 19. Jahrhundert hinein gegeben. Selbst als die englischen Könige und Herzöge, Ritter und weiß der Deibel noch alles ins „Heilige Land“ strömten, aus Indien und Afrika ein paar Sklaven mitbrachten, entfachte das nicht einmal eine Integrationsdebatte. Im Gegenteil, man machte als Kolonialherren die Welt untertan – Afrika, Asien, Indien, Australien, Amerika. Das sind sicher lustige Geschichten bei denen man selbst nicht dabei war, aber gerne darüber erzählt. Wie glorreich war einst mal das „Empire“!“ Wie schön und idyllisch ist die Welt gewesen, als man einen Dieb am nächsten Baum aufknüpfte, oder Kritikern einfach die Zunge heraus riss, oder die Hände abhackte. Schöne heile antike Welt.
Das sind so Themen, die das Neofolk-Genre gerne mal vergisst, stattdessen in die heile mystische Welt eintaucht und am liebsten gerne ganz zurück holen möchte. Da kann es einen schon mal brennend interessieren, ob solche Leute wie Tony Wakeford die keltische Opferverbrennungen gut heißen würden – wenn sie selbst im Opfermann aus Stroh stecken.
Oder geht’s nur ums Pflücken von Mistelzweigen aus denen Miraculix Zaubertrank braut, dass die Krieger gegen die dummen Römer los rennen können? Warum eigentlich hat sich die Band auch nach nach einem römischen Gott benannt, der zudem im Christentum als Jesus und später im Volkstum als Weihnachtsmann auftauchte? „Sol Invictus“ wurde stets am selben Tag gefeiert wie später das so genannte heilige Weihnachtsfest. Waren die Gladiatorenkämpfe und Opferspiele zivilisierter?
Götterdämmerung? Jedenfalls bezeichnet das Plattenlabel Auerbach Tonträger das neue Werk von der britischen „Neofolk“-Formation Sol Invictus eben jene Band als „Gottväter des Apocalyptic Folk“. Natürlich den Umstand vergessend, dass eigentlich David Tibet seiner Band Current 93 diesen Spartenbegriff gab, um sich eben von der „Neo Folk“-Szene abzugrenzen, die sich mit martialen Lauten, direkten und indirekten Anlehnungen an NS-Symbolik und -Uniformen schmückt, mit ihren „HJ-Pauken“ umherlaufen. Und von Wertkonservatismus schwadronieren, neben dem dass früher eben alles besser war und dass das „Neue“ noch besser wird. Da waren und sind Familie und Gemeinschaft noch was wert, soll so auch wieder sein. Wertkonservativ nennt man das. Ein schwammiger und diffuser Begriff, der auch Leute aus dem rechten Rand der Gesellschaft anzulocken scheint. Oder eben einfach Menschen, die sich in den komplexen Zusammenhängen verloren vorkommen.
Aber mit diesen Utopien will sich Wakeford nicht schmücken. Stattdessen erzählt er laut Label-Info in seinen „kantigen“ Liedern über den Niedergang von Staaten, Reichen, gibt sich darin ziemlich pessimistisch und auch zynisch, meditiert übers Älterwerden. Vielleicht hat Wakeford auch darüber nachgedacht, dass es ganz schön dumm gewesen war, in den achtziger Jahren der britischen National Front beizutreten, einer neo-faschistischen Vereinigung in der sich wohl die ehemaligen Bandmitglieder Ian Read (u.a. Death in June, Current 93, Sonne Hagal, ein Musiker, der sich offensichtlich als höherwertig betrachtet und einst ein Netzwerk solcher Leute aufbauen wollte, Anm. d. Red.) und Gary Smith wohl noch länger als Tony Wakeford wohl fühlten. Diese kurze Liaison mit dem rechten Lager und die daran folgende Kontroverse hängt dem Ex-Anarchisten immer noch noch nach, obwohl Wakeford immer wieder bekundet, kein Neo-Nazi mehr zu sein. Dabei ist er auch mal ein echter Linksradikaler gewesen, aber das hängt ihm anscheinend nicht mehr nach.
Stattdessen verschreibt sich Sol Invictus nunmehr seinen musikalischen Wurzeln bei der nicht minder kontrovers diskutierten Neofolk-Band Death in June, wenn er heftiges Getrommel und brummig tiefe Männerchöre im Stück „Kill All Kings“ interpretiert. Wakeford greift auch in die britische Folklore zurück, indem er den „Blackleg Miner“ anstimmen lässt, einem alten Lied aus dem 19. Jahrhundert, das schon The Inchtabokatables und Eric Fish interpretierten – allerdings musikalisch ausgereifter.
Seine Texte sind keine Zitatensammlungen von Philosophen mehr, welche von Nazis und Neo-Nazis vereinnahmt wurden, vielmehr gibt es autobiographisch gefärbte Inhalte. Trotzdem war sein Konzert in der Wilhelm-Kreis-Kuppelhalle auf dem WGT 2009 mehr oder weniger von „Uniform-Fetischisten“ besucht gewesen, die wohl mit dem Tragen von nachempfundenen Nazi-Uniformen nicht ans millionenfache Morden an Juden, Andersdenkende und Künstler denken. Schöne heile Neo-Folk-Welt.
Davon abgesehen ist auch die Musik von Sol Invictus nicht der Klang, der einem vom Hocker reißt. Besitzen die Lieder weder Sound noch Texte an Tiefe, Reife und erzählerischer Form, die ein Album wie „The Cruellest Month“ zu einer lohnenswerten Anschaffung machen würden. Blumen wachsen eben nicht im dunklen Schatten, wo Sol Invictus steht und vor nicht wenigen Anhängern ihre strukturlosen Liedern geigt. Die Sonne scheint woanders.

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