Der wissenschaftliche Künstler: David Tibet veröffentlicht mit Current 93 den „Baalstorm“

2009 sorgte der britische Musiker, Maler und kreative Kopf der experimentellen Formation „Current 93“ auf dem Wave Gotik Treffen für ein kleines Erdbeben. Mittelpunkt seines Mitternachtspezials waren seine jüngsten Werke, die offenbar das Anfang vom Ende, oder vom Beginn bis zum Schluss eine scheinbar unendliche Geschichte erzählen.

Nach der Geschichte von „Aleph“, dem hebräischen „Alpha“ wirbelt nun das „Omega“ über die Ladentheken. Die L-IZ wirft ein kleines Schlaglicht auf das neue Album eines verschrobenen Projekts.

„Baalstorm, Sing Omega“ heißt das frisch erschienene Album des exzentrischen Künstlers David Tibet, der seit dreißig Jahren unaufhaltsam und unermüdlich tätig ist. Auch wenn trotz hörbarer musikalischer Extravaganz und Genialität „Current 93“ der kommerzielle Erfolg versagt blieb, scheint sich sein Name als Signallicht für die wunderliche Reisen durch die religiösen Mythen verschiedener Religionen etabliert zu haben. Der gelehrte Buddhist, Hinduist, Christ und Israelit scheint zwischen absoluter Religionsverzückung und scharfem Gegenlicht aus der schwarzen Quelle der Erkenntnis seine Musik zu stehen.

„Baalstorm, Sing Omega“ ist der mutmaßliche Abschluss der psychedelischen „Aleph“-Trilogie, die mit dem Covermotiv des Live-Albums „How I Devoured The Apocalypse Moon“ mit einem Smiley-Mond und den eingezeichneten Schriftzeichen des „Alpha“ und „Omega“ 2005 begann, mit dem 2006 erschienenen „Black Ships Ate The Sky“ und den 2009 veröffentlichten Werken „Aleph At The Hallucinatory Mountain“ und „Monohallucinatory Mountain“ seine Fortsetzung fand. Auch wenn letzteres Werk eher als eine Art klanglicher Neuaufguss des Albums „Aleph At The Hallucinatory Mountain“ gilt.

Rockige Klänge dominieren neben folkigen Wetterleuchten diese düsteren Werke, die autobiographische Züge zu tragen scheinen. Offenbar wird in der Ich-Perspektive die Geschichte von „Aleph“ erzählt, welcher der Bibel nach der erste Mensch „Adam“ ist.

Diese Figur scheint verschiedene Dinge zu erleben, die mal mit wummernden Fuzz-Gitarren dumpf vor sich hin brüten, mal von Gastsängern stimmlich ergänzt werden, und immer wieder durch Wiederholung die Klänge ewig erscheinen lassen. So kann man es zumindest auf den beiden rauen Vorgängeralben hören. Auf „Black Ships Ate The Sky“ hatte zumindest ein gewisser Marc Almond neben anderen Sängern und Musikern einen brillianten Gastauftritt.

Nach den beiden stürmischen Aufnahmen von Aleph auf den halluzigenen Bergen, geht es bei „Current 93“ auf dem 2009/2010 im englischen Hastings, und italienischen Rom und Turin aufgenommenen „Baalstorm, Sing Omega“ ruhiger, aber nicht minder atemlos zu. Wieder greift der kreative Kopf David Tibet auf folkloristische Einflüsse zurück, Erinnerung an seine eigene musikalische Phase in den Achtzigern und Neunzigern, munter gespickt mit indischen Verweisen.

Der Albumtitel soll einem koptischen Sermon des ägyptischen Abt Shenoute (348-466) entlehnt sein. Das ist nicht neu bei David Tibet. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit Religion steht von Anfang an im Mittelpunkt in Tibets Schaffen. Als Forscher ägyptischer, koptischer Texte war Tibet 2008 in der Leipziger Universitätsbibliothek. Damals versuchte er als eine Art Workshop-Teilnehmer die Schriften des ägyptischen Heiligen und Märtyrers Apa Prau zu entschlüsseln. Ob dieser Heilige Mittelpunkt in David Tibets Trilogie um „Aleph“ ist? Offenbar, denn die zeitliche Nähe zu der Trilogie und seiner Forschung zu den Textfragmenten in der Uni-Bibliothek ist frappierend.

Als Wissenschaftler ist Tibet gut bei Stimme. Natürlich prägt der Sänger den ruhigen, mal hektischen Stücken auf dem von Andrew Liles produzierten „Baalstorm, Sing Omega“ mit seinem unnachahmlichen, sonoren und hell greinenden Gesang seinen typischen Stempel auf. Diese mal hektisch brüllende, mal schmeichelnd säuselnde Stimme fräst sich eindrucksvoll in jedes Hörempfinden ein, verändert es nach anfänglichen Ablehnungshaltungen und Trotzreaktionen des ungewohnten Chart-Hörers nachhaltig.

„Current 93“ kann nur so funktionieren, oder gar nicht. Textlich kaum verständlich, scheinen David Tibet und seine Musikerkollegen ein Mantra aus babylonischem Stimmengewirr, sinnvollen Sinnentleerungen und einer detailliert ausformulierten Weltflucht zu sein.

Auf „Baalstorm, Sing Omega“ geht es offenbar hintergründig um etwas ganz anderes, als dass es Tibet vordergründig formulierend würde. Aber was, wird ein Rätsel für viele sein. Ist es die Frage nach dem inneren Ausgleich, die Frage nach Religiosität oder ihrer Infragestellung? Aber mit jedem Schritt in Richtung Tibets Alterswerk, scheint sich der Sinn seiner unermüdlichen Aufnahmearbeit aus dem großen und ganzen seines überbordenden Gesamtwerkes zu erschließen, das man nur schwer an nur einem ruhigen Tag erkunden kann.

Dafür braucht es Monate, wenn nicht sogar Jahre. So wird auch „Baalstorm, Sing Omega“ für viele Anhänger ein unerschöpflicher Brunnen der Erkenntnis und Rätsel sein, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Das leichte Konsumieren und Vergessen dieser außergewöhnlichen Musik ist nicht möglich.

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