Am Honiggesäuge der Musik: David Tibet von Current 93 im Gespräch

2011 war wohl das Neofolk-Jahr für Leipzig. Zahlreiche Konzerte flankierten eine Kontroverse, ob die Musikrichtung rechtsoffen ist und ob sich Neofolk-Fans für rechte Ideologien geöffnet hätten. Wer aber tiefer in die Materie eintaucht, erkennt einen sehr vielschichtigen Kosmos aus Literatur, Geschichte, Kunst und Spiritualismus. Das schmückt man mit nicht ganz unkontroversen Symbolen aus, die auch schon die Nazis verwendeten. Das mutet seltsam an. Einer der interessanten Künstler ist David Tibet, der mit der britischen Szene-Band Current 93 seit rund 30 Jahren für Interesse sorgt. Zuerst Industrial, dann Folk, dann Krautrock. Immer mit religiösen Inhalten gefüllt, verdreht, interpretiert. Hier ein Artikel, der nach einem Gespräch mit dem englischen Künstler im März 2011 entstand.

Wer alles in die Messestadt kommt, wird sich mancher fragen. Leipzig ist mit der internationalen Musikszene besser vernetzt, als man glauben mag. Da spielen auch persönliche Kontakte eine wichtige Rolle. Solch ein Kontakt ist der Brite David Tibet, der im März mit mir plauschte.

Warum ausgerechnet einen Musiker interviewen, der keine bis kaum Impulse auf die Leipziger Musikszene gab? David Tibet ist eben ein Freigeist und vielleicht deshalb einer der ganz Großen. Seine Musik muss entdeckt werden, besitzt sie doch nichts oberflächliches und eingängiges, kommt immer intellektuell rüber, zumindest geistreich. Und so schnell lässt sich der Inhalt auch nicht erschließen. Ein Fall für eine längere Betrachtung.

Der 1960 in Batu Gajah, Malaysia geborene Musiker ist eine der kreativsten und rätselhaftesten Künstler, die die „schwarze Szene“ für sich vereinnahmt hat. Seine Musik pendelte in den Achtzigern vom schweren und düsteren Industrial hin zum leicht vorgetragenen Folk. Nicht nur seit den Neunzigern vertieft er sich zusehends in alte mystische Schriften der verschiedenen Religionen, hat auch in Leipzig dazu einmal geforscht.

Seinen Spitznamen „Tibet“ erlangte der Brite durch sein eifriges Studium der tibetanischen Sprache und Kultur in den Siebzigern. Krautrock statt Pop stand damals für ihn auf den Plan. Eine Hommage an das meist psychedelische Genre ist seine Verneigung „Aleph at Hallucinatory Mountain“. Schon mit der 1990 veröffentlichten „Horsey“-EP ließ er psychedelische Gitarrenklänge ertönen.

Jetzt geht David Tibet mit seiner neuen Besetzung aus Eliot Bates, Baby Dee, Andrew Liles, Lisa Pizzighella und Armen Ra weg von dem, was Fans des britischen Buddhisten zuletzt von seiner „Aleph“-Trilogie gehört hatten. Keine Kirchenlieder wie das von Charles Wesley (1707 – 1788) geschriebene und u.a. von Antony Hegarty und Marc Almond gesungene „Idumea“, keine aufplatzenden Fuzz-Gitarrenklänge, keine apokalyptische-psychedelische Endzeitstimmung mit Themen rund um das jüngste Gericht, den Anti-Christen und den Anfängen der Menschheit: Adam und Eva, Kain und Abel. „Honeysuckle Aeon“ ist laut Ferngespräch mit David Tibet vom 11. März ein weiteres Konzeptalbum des Meisters, das ein Traumgespräch beschreibt und simpler aufgebaut ist als die vorigen Werke.

Für Fans ist das Werk weniger konfus als das vorige „Baalstorm“-Album, für David Tibet nicht: „Klar, ist es schwierig der erzählerischen Struktur zu folgen, aber nichts ist absolut klar gemeint, genauso im wahren Leben.“ Dass auch in der musikalischen Ausrichtung von Current 93 nicht alles absolut ist, zeigt wie die Alben entstehen. Neue Gesichter wie die Cellistin Lisa Pizzighella bringen sich ins Songwriting ein, bringen neue Ideen mit, lassen Current 93 über die Jahre hinweg als facettenreichste Band stehen, deren einzige Konstante David Tibet selbst ist. „Darüber bin ich auch ziemlich froh, denn Leute wie Lisa bringen neue Sounds, neue Energie, andere Ansichten mit in die Band.“ Deswegen verändere sich ständig das Line Up von Current 93, darum gesellen sich eine Menge Freundschaften, die aus musikalischen Liaisons hervorgehen. Selbst Armen Ra arbeitete einst mit Marc Almond zusammen, der bekanntlich „Idumea“ auf „Black Ships Ate The Sky“ sang.

David Tibet betrachtet Current 93 auch nicht als „Manifest“ angesichts der riesigen Discographie, die er seit 30 Jahren angehäuft hatte. „Immer wenn ich mit meinen Freunden an Alben arbeite, ist das sehr intensiv. Das war schon 1983 so, ist es auch jetzt. Ich mag es überhaupt nicht, zu lange eine Meinungsführerschaft während der Aufnahmen zu übernehmen – das nimmt sonst die Intensität des Projekts.“ Dafür konzentrieren sich alle voll auf die Musik, weswegen es möglich ist, auch eine hohe Schlagzahl an Alben aufzunehmen und zu veröffentlichen, so Tibet weiter im Gespräch. So kommt es auch, dass Tibet an verschiedenen Projekten wie Ausstellungen, ein Buch und Gastbeiträgen bei anderen musikalischen Projekten arbeitet, so auch zu Youth, einem Projekt von ihm und der neuseeländischen Band Killing Joke.

Auch wenn Tibet nicht musikalisch mit Leipziger Musikern zusammen arbeitete, verbindet ihn mit dieser Stadt eine ganze Menge. Das liegt nicht zuletzt an WGT-Pressesprecher Cornelius Brach und Schriftsteller Alexander Nym. Durch Kontakte wie diese kam David Tibet auch nach Leipzig 2009, um in der agra-Halle als Mitternachtsspezial beim 18. Wave Gotik Treffen über die Bühne zugehen. Noch heute ist Tibet überwältigt von diesem Auftritt, ist gespannt, ob noch weitere Angebote aus Leipzig an ihn herangetragen werden. So lange heißt es „Honeysuckle Aeon“ hören und auf die nächste Scheibe warten. Vielleicht – so offeriert es David Tibet – kommt dieses Jahr noch etwas. Aber vielleicht zwinkerte er nur mit britischem Humor durch die funkende Telefonleitung.

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