Zurück in die Vergangenheit: Dio

„Dio“ heißt übersetzt „Gott“! Wer sich so nennt, leidet entweder an Größenwahn oder der Name wurde ihm gegeben. Der kleine Italo-Amerikaner Ronald James Padavona gab sich den Namen selbst. Schon sehr früh. Bereits im Alter von 18 nannte er sich „Gott“. Gangster Johnny Dio war sein Einflussgeber. Rund vierzig Jahre bereicherte er die Musikwelt mit seiner Stimme. Am 16. Mai 2010 verstarb Ronnie James Dio an Krebs. Das ist über zwei Jahre her.

Viele Kinogänger werden Dio als singendes Plakat im Film „Tenacious D – Kings of Rock“ zum ersten Mal kennengelernt haben. Er besang den Rock’n’Roll und gab dem kleinen und vorlauten Bengel aus Kickapoo auf den Weg, dass er in Hollywood eine Band gründen soll. Aus dem Lausbuben wurde ein Mann, der dieselben Flausen im Kopf hatte wie mit 12 Jahren – Rock! Das wurde 2006 filmisch erzählt, und natürlich noch viel mehr. Zu dem Zeitpunkt tat Dio sich mit den Bandmitgliedern der früheren Black Sabbath-Besetzung von 1980 bis 1982, Tony Iommi, Geezer Butler und Vinnie Appice zusammen. Unter dem Namen Heaven And Hell setzte die Gruppe auf Live-Auftritten und ihrem Studioalbum „The Devil You Know“ von 2009 das fort, was Black Sabbath mit den Alben „Heaven And Hell“ und „The Mob Rules“ Anfang der achtziger Jahre so einprägsam auf Vinyl bannte. Wundervolle Hardrock-Songs mit Tiefgang und Seele. Etwas, das mit Ozzy Osbourne zuletzt mit den Studiowerken „Technical Ecstasy“ und „Never Say Die“ nicht mehr so richtig gelang.

Dio begegnete mir nicht an der Wohnzimmertapete wie im Streifen mit Joe Black, obwohl ich mir im Nachhinein so ein Treffen als Initialzündung sicher gewünscht hätte. Er sang in dem kleinen DDR-Kassettenrekorder mit Songs wie „Heaven And Hell“, „The Mob Rules“, „Stand Up And Shout“, „Holy Diver“ und „The Last In Line“ zu mir. Vielleicht waren auch Songs von Rainbow und Elf unter den gespielten Favoriten aus der DT-64-Tendenz-Hard-bis-Heavy-Redaktion in der DDR-Zeit. Formationen bei denen Dio in den Siebzigern sang. Einen Impuls in Richtung Musikerdasein vermochte er nicht in mir auslösen. Aber Dio zeigte mir mit seinem seelenvollen Gesang, dass es beim Rock’n’Roll um mehr geht als Blut, Satan und Gedärme. Dio eröffnete dem kleinen Jungen aus Leipzig eine Welt aus Elfen, Magiern, Mythen. Sei kreativ, sei fantasievoll, schien er mit „Neon Knights“ mitzuteilen. Erfülle deine Träume und Wünsche!

Dass Dio mitten aus dem Leben gerissen wurde, lässt sein Werk in einem tragischen Licht erscheinen. Er hatte noch vor, wenigstens Solo wieder ein Soloalbum zu veröffentlichen. Ganz so wie man es von ihm in den Achtzigern und Neunzigern kannte, wenn man vom kleinen aber feinen Black Sabbath-Intermezzo 1992 namens „Dehumanizer“ absieht. Die Solo-Werke sind wahre Prunkstücke im Schaffen des kleinen Sängers. Klar, dass gleich wieder Vergleiche mit Black Sabbath und Rainbow hageln. Zwischen 1983 und 2004 schuf er kleine Entdeckungsreisen in seine fantastische Märchenwelt, die er schon bei Elf zwischen 1972 und 1975 mit drei Alben erschuf. Unterschätzte Werke. Wegen des Blues Rock?

Bevor ich alles aus Wikipedia abschreibe, muss ich persönlich einwenden, dass Dio einfach einen Gesang besitzt, der einem Gänsehautschauer bereitet – im positiven Sinn. Neben großartigen Songs die schönste Konstante in Dios Werk. Und wahrscheinlich erfüllte sich der kleine singende große Mann in seinem 67 Jahre langen Leben all seine Wünsche. Talent, Ausdauer und viel Arbeit ist dafür notwendig. Dinge, die Dio den Kids heute immer noch lehren kann.

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Wo beginnt man bei einer Betrachtung auf ein Werk, das nahezu unerschöpflich ist? Natürlich mit den Klassikern! Bei Dio ist das recht einfach. In die siebziger Jahre zurück gegangen heißen die Fußstapfen „Trying To Burn The Sun“ von Elf und „Long Live Rock’n’Roll“ von Rainbow. Ganz groß wurde der kleine Mann am Mikro mit Black Sabbath als er die Nachfolge von Ozzy Osbourne antrat. Die beiden Studiowerke „Heaven And Hell“ und „The Mob Rules“ gelten als Klassiker.

Das Live-Album „Live Evil“ dokumentiert eine Phase, die bei der Veröffentlichung des Konzertwerks bereits abbrach. Heute kursieren noch rare Aufnahmen im Internet. Ein Konzertvideo sollte folgen, erscheint die flimmernde Botschaft aus der Vergangenheit. Aber die Qualität ist zu schlecht. Die tonlosen Ausschnitte sind trotzdem wertvolle Dokumente für Black Sabbath.

Erst 1992 sollte die Band wieder mit Dio ein Album aufnehmen und auf Reisen gehen. Ozzy Osbourne machte aber in Costa Mesa dem Dio einen Strich durch die Rechnung. Für zwei Abende tat der Madman sich mit seinen ehemaligen Bandmitgliedern zusammen – zuletzt erfolgte das 1985 beim Live Aid Festival. Dio wollte nicht mit Black Sabbath die Show eröffnen. Also stieg er wieder aus. Er widmete sich wieder seinem Soloprojekt, das er 1983 erfolgreich startete.

Alben wie „Holy Diver“, „The Last In Line“, „Sacred Heart“ und „Dream Evil“ sind immer noch jeden Cent wert, den man dafür hinlegen muss. Das sind nicht viele Centstücke. Inzwischen sind die Alben für ein paar Euro zu haben.

Als Einsteiger empfiehlt es sich aber das posthum 2010 veröffentlichte Live-Dokument „At Donington UK: Live 1983/1987“ zuzulegen. Auf der Doppel-CD wurden zwei Auftritte des Sangesgottes auf dem britischen Metalfestival zusammengefasst. Auf dem Doppel sind alle Hits und Klassiker in wundervollen Aufnahmen versammelt – angefangen von Rainbow und über Black Sabbath bis hin zu Dios Solophase von „Holy Diver“ 1983 hin zu „Dream Evil“ 1987.

Unverzichtbar

„Heaven And Hell“ und „The Mob Rules“ sind wohl die beiden Vorzeigearbeiten von Dio bei Black Sabbath und überhaupt in seiner Sangeskarriere. Anfangs schien Sabbath-Gitarrist Tony Iommi nicht so ganz von den Qualitäten von Dio überzeugt gewesen zu sein. Aber es klappte. „Heaven And Hell“ war auch der erste Song, den ich von Black Sabbath bewusst wahrnahm. Was für ein Epos! Allein deswegen ist das Album seinen Preis wert. „Lonely Is The Word“ ist das weitere Epos auf der Platte. Gefühlvoll, sanft und einprägsam erscheinen die acht Songs wie ein Monolith. Die Rocksongs „Lady Evil“, „Wishing Well“ und „Walk Away“ sind die bunten Einsprengsel, die eher an Dios Phase mit Rainbow erinnern als an Black Sabbath.

Aber „The Mob Rules“ kann noch einen drauf setzen. Der Klang unterscheidet sich grundlegend von den kalt erscheinenden Aufnahmen von „Heaven And Hell“. „Mob Rules“ ist wärmer und wuchtiger als der Vorgänger. Die neun Stücke verschmelzen zu einer Einheit, aus der kein Song herausfällt. Herausragend sind alle Lieder. „Country Girl“ und „Slipping Away“ geben in etwa das vor, was die Fans in den Achtzigern künftig erwarten müssen: leichtfüßige Hardrock-Songs, die ein wenig die urtümliche Schwere der frühen Sabbath vermissen lassen. Dafür entschädigen epische Einsprengsel das Fehlen der melancholischen Düsternis in ihren Liedern.  Epen wie „In The Sign Of The Southern Cross“, „Falling Off The Edge Of The World“ und „Over And Over“ bedienen aber die Klientel, die bei Sabbath das Dunkle suchen – gekrönt von der Stimme von Dio.

Solo hatte der Mann auch einiges auf Lager. Wenn auch Dio in den neunziger Jahren etwas ins Hintertreffen geriet, weil Metal als Jugendkultur durch Death- und Black-Metal eine Erneuerung erfuhr. Dadurch war Metal mit klassischem Klangdesign wie Dio es vertrat nicht so gefragt. Aber irgendwann kriegt er jeden. Mit der Scheibe „Holy Diver“ etwa, die das fortsetzt, was Dio mit Rainbow und Black Sabbath zuletzt schuf – Hymnen am laufenden Band. „Stand Up And Shout“, „Holy Diver“, „Caught In The Middle“, „Rainbow In The Dark“ und „Don’t Talk To Strangers“ machen „Holy Diver“ zu einem weiteren Klassiker. Schon das Video dürfte als Vorlage für „Highlander“ gedient haben, wenngleich es auch wie eine Adaption von „Conan der Barbar“ erscheint.

Sein Nachfolger „The Last In Line“ sorgt seit 1984 nicht weniger für Begeisterung. Songs wie „We Rock“, „The Last In Line“ und „Evil Eyes“ haben nicht weniger Feuer. Aber es macht sich eine Veränderung bemerkbar. Dio findet auf „The Last In Line“ zu sich selbst, kann aber nicht alle Erwartungen erfüllen. Das Video zu „The Last in Line“ könnte auch für heutige Gesellschaftszwänge und -untergänge stehen – der Mensch als Nummernsklave, als Opfer und Maschine. Darin Figuren, die an die Borg und  Jem’Hadar aus „Star Trek“ erinnern.

„Long Live Rock’n’Roll“ heißt das Studioalbum von Rainbow. Hinter dem Namen verbergen sich neben Dio auch Ex-Deep-Purple-Gitarrero Ritchie Blackmore, Bassist Bob Daisley  und Power-Drummer Cozy Powell. Drei Namen, die auch in den Achtzigern mit überragenden Alben mit Deep Purple, Solo, Black Sabbath, Ozzy Osbourne und Gary Moore in Erscheinung treten. Auf dem 1978 erschienenen „Long Live Rock’n’Roll“ vereint sich die melodiöse Kraft von Deep Purple mit dem Blues von Elf, Dios Vorgängerband.

Titel wie „Long Live Rock ’n‘ Roll“, „Kill The King“, „Lady Of The Lake“ und andere nehmen vieles vorweg, was Dio später bei Black Sabbath auf „The Mob Rules“ und „Heaven And Hell“  sprechen lässt, oder bei seinen Solowerken in den achtziger Jahren. Klang, Aussehen, Songwriting machen „Long Live Rock’n’Roll“ zu einer lohnenswerte Anschaffung, die zudem auch noch sehr günstig zu haben ist.

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Nicht von schlechten Eltern

Eigentlich könnte ich die Liste der Rubrik „Unverzichtbar“ endlos fortsetzen. Aber „Nicht von schlechten Eltern“ soll keine Herabstufung sein, sondern Liebhaberstücke vorstellen, die man erst einmal für sich entdecken muss. Dazu gehört zweifellos das Elf-Album „Trying To Burn The Sun“ von 1975. Hier frönt Dio noch den guten alten Rock’n’Roll, gewürzt mit Blues und Fantasie. Nicht unbedingt ein Hit-Album wie später bei Rainbow, Sabbath und Solo. Aber Dio wäre nicht Dio, wenn er nicht auch hier alles veredeln würde.

Die Solowerke von Dio wie „Sacred Heart“ und „Dream Evil“ könnten ebenso auf der „Unverzichtbar“-Liste stehen. Sie stehen aber unter dem Liebhaberposten, weil sie sich nicht sofort in die Ohrmuschis einschmeicheln und weil Dio zeigt, dass er seinen Sound fand. Dio überrascht nicht mehr so sehr, aber er zeigt wie gut er Alben schreiben kann. Das gilt übrigens auch die späteren Werke wie „Lock Up The Wolves“, „Strange Highways“, „Angry Machines“, „Magica“, „Killing the Dragon“ und „Master of the Moon“.

Zu den weiteren Liebhaberstücken zählen das Sabbath-Werk „Dehumanizer“ von 1992 und das Live Album „Live Evil“ von 1982. Auf „Dehumanizer“ brummt Tony Iommi mit seiner Sechssaitigen genauso gut wie auf „The Mob Rules“. Die Liaison setzte Dio mit Iommi, Vinnie Appice und Geezer Butler auch mit dem Projekt „Heaven And Hell“ fort. Das heißt so, weil Sabbath-Fronter Ozzy Osbourne rechtlich verhindern konnte, dass Iommi den Namen „Black Sabbath“ weiter verwendet. Nur mit Ozzy sei Sabbath eben Sabbath. Das bescherte der Rockwelt ein gutes Studioalbum „The devil you know“ sowie die Doppel-Live-CD „Live from Radio City Music Hall“ und die beim Wacken-Festival aufgenommene DVD „Neon Nights: 30 Years of Heaven & Hell – Live in Europe“.

Posthum erschien auf Betreiben von Dios Frau ein Live-Album, das zwei Auftritte des Meisters von 1983 und 1987 auf dem englischen Donington-Festival dokumentiert und „Dio at Donington UK: Live 1983 & 1987“ heißt. Weiterhin sei auf die Rainbow-Alben „Rainbow on Stage“ und „Rainbow Rising“ hingewiesen. Auch dessen Debüt „Ritchie Blackmore’s Rainbow“ darf in der Auflistung nicht fehlen. Dazu gesellen sich außerdem zahlreiche Live-Mitschnitte aus den Siebzigern und Achtzigern, die dringend einer Überarbeitung bedürfen. Dass Dio auch mal bei Deep Purple gastierte, wissen nur die wenigsten. Auf dem Live-Album „Deep Purple – Live at the Royal Albert Hall“ ist er zu hören, ebenso auf dem Deep-Purple-Werk „Live at the Rotterdam Ahoy 30th October 2000“.

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