Episches Zeug: Ein Godzilla gebiert einen Wolfsjungen

Um 1800 sorgte in Frankreich eine Geschichte für Aufsehen, die von einem Wolfsjungen handelte. Der Arzt und Taubstummenlehrer Dr. Jean Itard zeichnete die Lebensgeschichte des Victor von Aveyron auf. Der Junge wurde 1800 im Wald von  Aveyron im Alter von ungefähr zwölf Jahren völlig verwildert und nackt gefunden. Nach ihm und einem gleichnamigen Kinofilm von 1970 nannte die französische Metalband Gojira ihr neues Album – „L’Enfant sauvage“.

Im deutschen Sprachraum gibt es die Geschichte vom Kaspar Hauser, die ähnlich verlief wie die des französischen Wolfsjungen. Über die pädagogischen Methoden des behandelnden Arztes und Lehrers kann man heute noch immer streiten. Ein schönes Leben hatte Victor von Aveyron jedenfalls nicht. Er lebte in einem abgeschiedenen Trakt in Itards Taubstummenanstalt und verstarb vierzigjährig 1828 in Paris. Oft musste er als Kind die gewaltsamen Übergriffe von Itard ertragen. Aber so lernte das Kind Gefühle kennen, meinte der Arzt damals. Brutale Methoden wie sie Itard vornahm, sollen aber auch dafür verantwortlich gewesen sein, dass sich der Wolfsjunge mental nicht weiter entwickelte, so die Kritiker.

Um die traurige Story dreht sich Gojiras neues Studioalbum. Die französische Metalband, die sich nach dem japanischen Comic- und Filmmonster „Godzilla“ benannte, setzt auf ihrem ersten Studioalbum beim Kölner Plattenlabel „Roadrunner“ wieder gewohnt das um, für das die 1996 in Bayonne gegründete Band bekannt wurde: Anspruchsvolle Musik mit handwerklicher Finesse sowie interessanten Harmonien und Rhythmen.

Dazu gesellt sich das Konzept des Wolfsjungen, das die Band in elf Titel umsetzt und darin der Frage nachgeht, was Freiheit bedeutet. Joe Duplantier, Sänger und Gitarrist von Gojira sagte vorab zum Album, dass die Frage nach Freiheit bei „L’Enfant sauvage“ nicht beantwortet werde. Aber die Frage rege zum Nachdenken über die eigene Freiheit an. Damit wachse auch die Verantwortung für das eigene Leben. Spätestens mit dieser Erklärung, sticht der Stachel im Fleisch eines jeden Menschen. Was fängt man mit seinem Leben an, wie erfüllt man es mit seinem Handeln?

Eine essentielle Frage, die sich nicht jeder bewusst stellt. Aber ein Mensch, der wie der Wolfsjunge nur ein Getriebener und Ausgestoßener in der „zivilisierten“ Gesellschaft ist, kann sie sich wegen bestimmter Faktoren nicht stellen. Sei es aus mangelnder Selbsterkenntnis oder einer Behinderung. Kann man wie Victor von Aveyron außerhalb der menschlichen Zivilisation vielleicht freier als innerhalb dessen leben? Derer Fragen kann es viele geben, wer über das Albumkonzept nachdenkt. Trotz der 200 Jahre alten Geschichte ist sie angesichts von weltweiter Lohnausbeutung, sklavischen Selbstdarstellungsmechanismen im Internet, eine weltumspannenden Wirtschaft und Politik, stärker werdenden Überwachung von Bürgern durch Legislative und Behörden aktueller denn je. Und das verpackt in gereifter und kraftvoller Musik wie es Freunde von Alben wie „From Mars To Sirius“ und „The Way Of All Flesh“ kennen.

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