Zurück in die Vergangenheit: Metallica

Metallica 2010 (Copyright by metallica.com)
Metallica 2010 (Copyright by metallica.com)

Keine Woche ist es her als Metallica beim Rock am Ring auftrat. Die 1981 gegründete amerikanische Heavy-Metal-Band spielte bei der 2012er Ausgabe des beliebten Rockfestivals in Süddeutschland seinen Klassiker „Black Album“ komplett und in rückwärtiger Reihenfolge. Ein Ereignis, dass ich gern von der Couch aus verfolgte.

Heute trage ich wieder eine schwarze Jeans mit Stretch, schwarze Sneaker, schwarzes Trägershirt und einen Pyramidennietengürtel aus den achtziger Jahren, den ich 1990 mal von einem Schulkameraden geschenkt bekam. Dieser Stil kommt nicht von ungefähr. Metallica-Fronter James Hetfield machte ihn in den Achtzigern in der Metalszene hoffähig. Nur dass der trainierte Mann darin unglaublich besser aussieht als ich mit meinen pummeligen 80 Kilo auf 180 Zentimetern und einer ausgewachsenen Glatze, die mich den Rest meines Lebens begleiten wird. Vor zwanzig Jahren war das anders. Lange Haare, John-Lennon-Brille und schwarze Klamotten. Sogar ein Metallica-Shirt vom „Black Album“ nannte ich mein Eigentum. Dabei mochte ich das Album überhaupt nicht als es veröffentlicht wurde.

1989 legte ich mir in Hannover die berühmte „… And Justice For All“ zu, die mich als 14-jährigen unglaublich beeindruckte. Ich spielte die Scheibe so lange ab, bis sie nicht mehr abspielbar war. Trotzdem nahm mir 2003 ein Plattenhändler die Doppel-LP ab – reine Liebhaberei. Das „Black Album“ kaufte ich mir nicht. Stattdessen zeigte mir beim Erscheinen des Albums im August 1991 ein Schulfreund die Doppel-LP, die wie „… And Justice For All“ in einem einzigen Schuber verkauft wurde. Er legte die erste LP auf den Plattenteller. In meinen Gedärmen zog sich alles zusammen als ich James Hetfield „Enter Sandman“ quäken hörte.

Jämmerlich! Allein dieses Riff! Es war von einer Einfachheit wie man sie vielleicht von einer Schülerband erwartet hätte. Ich quengelte, dass das nächste Lied kommen soll. „Sad But True“ erklang im Kinderzimmer. Auch nicht besser. Dann „Holier Than Thou“. Endlich hörte ich die Energie, die ich aus unzähligen Radiosendungen kannte als Stücke wie „Ride The Lightning“, „For Whom The Bell Tolls“, „Creeping Death“, „Master Of Puppets“ und „Damage Inc.“ erklangen. Dann der Fehlgriff „The Unforgiven“ – ohne dass ich erkannte, wie brillant die von mir verschmähten Stücke eigentlich waren.

Mein Schulkamerad wollte mir unbedingt noch „Nothing Else Matters“ vorspielen. Er meinte, dass die anderen Lieder typisch Metallica seien. Und genau die wollte ich hören. Er gab nach, aber erst nachdem wir die Ballade „genießen“ würden. Also ließ ich ihn gewähren. War ja seine Bude und sein Album. Keine Ahnung warum er auf das Stück so abfuhr. Vielleicht dachte er dabei an seine Freundin und bekam wohl deswegen einen Harten beim Hören. An mir kann es wohl nicht gelegen haben.

Jedenfalls war ich dann doch froh, endlich aus dem Kinderknast abhauen zu können. Dass die anderen Lieder im Vergleich zu den früheren Glanztaten nicht den Kaugummi wert sind, den ich grade kaute, wusste ich sofort. Aber ich rang. Die Melancholie in den Songs wie „Don’t Tread On Me“, „Sad But True“, „The Unforgiven“; „Of Wolf And Man“, „My Friend Of Misery“ und „The God That Failed“ reizte mich. Aber nicht zum Kauf, sondern zu einem 20-jährigen Schnupperkurs, der in den Kauf des „Black Albums“ mündete. Für 5,55 Euro beim Drogeriemarkt Müller in der Ramschkiste. Das war es mir wert – eine Genugtuung, dass ich mit meiner Einschätzung mit dem Kauf zu warten doch Recht hatte.

Metallica 2010 (Copyright by metallica.com)
Metallica 2010 (Copyright by metallica.com)

Die wichtigsten Alben als Orientierungspfad:

Unverzichtbar

Klar, dass „… And Justice For All“ in der Einkaufsliste an oberster Stelle stehen muss. Als ich die Doppel-LP im November 1989 in Hannover von meinem Begrüßungs-Hunnie erwarb, war ich hin und weg. Meine erste LP nachdem ich im Sommer in der CSSR Alben von Venom und AC/DC kaufte! Ich wankte im nasskalten Hannover aber zwischen Metallica und Slayer, obwohl ich dringend eine ordentliche Jacke brauchte. Weil ich Metallicas Texte für weniger blutig und viel intellektueller hielt als die Röchel-Lyrik von Tom Araya, bekam das weiße Album von Metallica bei mir einen Ehrenplatz. Allabendlich legte ich die Scheibe auf meinen roten Plastik-Kinder-Plattenspieler, worauf vorher wohl eher „Bummi“- und „Pittiplatsch“-Scheiben rotierten.

Und was für Songs auf „Justice“ röhren! „Frayed End Of Sanity“, „One“, „Eye Of The Beholder“, „Harvester Of Sorrow“! Metallische Plombenzieher der Extraklasse, wenn auch die Band selbst vom Album sagt, dass es ihnen zu eingefahren und zu steril klingt. Macht nichts. Es passte gut in die Zeit. Daran orientierten sich angeblich andere Bands des Thrash-Genre wie Heathen, Exodus, Testament und andere. Alles wurde schleppender. „… And Justice For All“ war für Metallica der Türöffner für ganz große Tourneen, Stadionauftritte und für eine Grammy-Nominierung. Quasi der Probelauf für all das, was für die Band nach 1991 kommen sollte.

„Ride The Lightning“ war für Metallica die Schwelle zum Erfolg. Mit dem 1984 erschienenen Werk zeigte sich die Band anspruchsvoller und geistreicher als auf dem rabiaten Debüt „Kill ‚Em All“. Teile der Scheibe waren mir durch die DDR-Metalsendung „Tendenz Hard bis Heavy“ bekannt. Sicher wurde das Album bereits komplett gespielt. Ich kannte nur die Nummern „Fade To Black“, „For Whom The Bell Tolls“, das Titelstück „Ride The Lightning“ und „Creeping Death“. Das Instrumental „Call Of Khthulu“ war sogar der Jingle der bekannten Radiosendung. Mehr braucht man auch nicht kennen. Der melodiös schleppende Rocker „Escape“ galt aus Ausrutscher. Propheten orakelten damals, wenn Metallica diesen Weg einschlagen würde, dann ist es das sichere Aus für den Vierer. 1984 dachte niemand an eine solche Entwicklung, denn es sollte noch ein Wahnsinnsalbum kommen.

Als 1986 „Master Of Puppets“ erschien, war Metallica bereits in aller Munde. Das Album markiert den vorläufigen Höhepunkt in der Karriere der vier Thrashmetaller aus San Francisco. Es ist härter, düsterer und kompakter als sein Vorgänger. Songs wie das Titelstück „Master Of Puppets“, „Damage Inc.“, „Battery“, „The Thing That Should Not Be“, „Leper Messiah“, „Welcome Home (Saniterium)“ und das Instrumental „Orion“ avancierten alle zu Klassikern. Nicht umsonst präsentierte Metallica auf der Waldbühne in Berlin 2006 das gesamte Album am Stück. Für viele Fans ist das Monumentalwerk des Thrash Metal-Genres unerreicht und steht gleichberechtigt neben den beiden anderen Klassikern des Genres: Slayers „Reign In Blood“ und Megadeths „Peace Sells …. But Who’s Buying“ aus dem selben Jahr.

Nicht von schlechten Eltern

Das „Black Album“ muss hier erscheinen. Zum einen weil Metallica mit ihrer 1991 veröffentlichten Scheibe die Schwelle zum Mainstream überschritten. Zum anderen sind die Songs zu gut und immer noch hart genug. Headbangerstoff findet man hier ebenso wie balladeske Hängematten. Vor allem die zweite Hälfte des Albums zeigt eine Band, die selbst bei ihren harten Nummern akzentuiert vorgeht. Ein Reifeprozess, der bei „Of Wolf And Man“, „The Struggle Within“, „Wherever I May Roam“, „The God That Failed“ und „My Friend Of Misery“ seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Herausragend und für Metallica-Verhältnisse völlig neu waren aber Titel wie „Sad But True“, „The Unforgiven“, „Enter Sandman“ und „Nothing Else Matters“. Hier zeigt sich der Entwicklungsprozess von einer herausragenden Thrash Metal-Band hin zu einem international beachtenswerten Metal-Act, der auch Rockambitionen hat. Nicht zuletzt führte die ausgefeilte Produktion von Bob Rock (u.a. The Cult und Mötley Crüe) das „Black Album“ zum Erfolg.

Als 1983 „Kill ‚Em All“ erschien, kannten nur Eingeweihte die extreme Band aus der Bay Area. Der Sound war für damalige Verhältnisse völlig neu. Ruppig, rau, punkig dröhnten „Hit The Lights“, „Motorbreath“, Seek And Destroy“ und „Whiplash“ aus den Boxen. Das hektische Spiel bekam auch bald einen Namen – Thrash Metal. Schon beim Debüt schimmerten bereits jene Ambitionen durch, die Metallica bald zur besten Band des neuen Genres werden ließ. Klar! Heute würde Metallica vieles anders machen, aber ohne „Kill ‚Em All“ wäre der Rückbesinnungs-Rohkrepierer „St. Anger“ vielleicht nicht möglich gewesen. Jedenfalls kann ich mich erinnern, dass ich mit „Kill ‚Em All“ so manchen in Verzweiflung trieb. Mission erfüllt, kann ich da nur sagen.

„Beyond Magnetic“ ist das bessere „Death Magnetic“. Der Sound ist runder und nicht so gepresst wie auf der 2008 erschienenen Studioscheibe. Die Songs auf der EP blieben von den Sitzungen zur „Death Magnetic“-Scheibe übrig, klingen streckenweise viel besser und ausgereifter. Die vier Titel kann man alle in die Oberliga der Metalli-Boys stellen, weil sie hier wieder ihre Mitte zwischen „… And Justice For All“ und „Black Album“ gefunden haben. Der letzte Schmiss wie beim „Black Album“ würde den Songs gut zu Gesicht stehen.

„Death Magnetic“ ist ein gelungenes Comeback. Die Rückkehr auf den verwaisten Thrash Metal-Thron gestaltet sich aber als schwierig, weil darum gleich mehrere Bands konkurrieren. Machine Head und Slayer beispielsweise. „The Day That Never Comes“ kann sich wie „That Was Just Your Life“, „All Nightmare Long“, „The Unforgiven III“ und „The Judas Kiss“ hören und sehen lassen. „Death Magnetic“ leidet aber am gepressten Sound mit dem auch Metallica mit Ausnahme von Lars Ulrich nicht glücklich ist.

Geheimtipps

Eigentlich sind die beiden Querschläger „Load“ und „Re-Load“ gar nicht mal so schlecht. Als die erste Single „Until It Sleeps“ veröffentlicht wurde, war auch ich seltsam berührt. Schminke, kurze Haare und Designer-Klamotten übertünchten nur die Qualität der beiden Alben. Dennoch machte sich hier etwas Langeweile breit. Grunge war spätestens mit dem Tod von Kurt Cobain 1994 vorbei. Trotzdem klingen beide Alben stark nach dem Stallgeruch von Soundgarden, Alice In Chains & Co. Die Härte der einst so wütenden Thrasher wich einer gediegenen Melancholie und ganz viel Rock’n’Roll. Nicht unbedingt die schlechteste Mischung aber recht mutlos und eigentlich auch ein Rückschritt zu dem, was Metallica zuletzt mit dem „Black Album“ bot.

Ein Song wie „Ain’t My Bitch“ könnte dennoch auf demselbigen stehen ohne dass es für Metallica ein Gesichtsverlust bedeuten würde. „2 x 4“ schlägt in dieselbe Kerbe. „The House Jack Built“, „Hero Of The Day“, „Fuel“, „Memory Remains“, „Unforgiven II“ und „Until It Sleeps“ könnten als Höhepunkte bezeichnet werden. Wenn nicht das einfallslose Drumming von Lars Ulrich die Songs kaputt machen würde. Ein Umstand, der sich auch bei „St. Anger“ fortsetzen sollte. Auch Lieder wie „Ronnie“, „Fixxxer“ und „Outlaw Torn“ hätte sich die Gruppe besser sparen und die besten Songs von „Load“ und „Re-Load“ auf einer einzigen Scheibe pressen sollen. Der Rest geht bestenfalls als Lückenfüller durch und hätte auf einigen EPs Platz gefunden.

Livealben von Metallica gehören nicht gerade zu den Maßstäben in der Metal-Szene. Ausnahme das „S&M“-Werk von 1999, eine Fusion von Klassik und Metallica. Ganz großes Live-Kino, das man auch als DVD haben muss. Zu den weniger bekannten Live-Aufnahmen gehört „Live at Grimey’s“, eine LP, die 2010 erschien und einen urwüchsigen Club-Gig von Metallica und neun ihrer besten Klassiker wiedergibt. Und das sogar in einer ziemlich guten Qualität. Anders als die beiden offiziell von Metallica herausgegebenen EPs „Six Feet Down Under“ aus dem selben Jahr. Dort sind Aufnahmen versammelt, die wohl ein paar Ulknudeln Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger mit ihren Diktiergeräten aufnahmen. Die Songs jüngeren Datums von 1998 bis 2010 besitzen aber bessere Klangqualitäten. Daran schließt sich das Bootleg-Album „Istanbul Magnetic“ von der 2010 in der Türkei mitgeschnittenen „Big Four“-Show nahtlos an. Ganz groß ist aber das Live-Set „Live Shit: Binge And Purge“ von 1992. Der Film zeigt eine Band auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs vor 20 Jahren.

Ebenso Sammlerpflicht sind die beiden Cover-Alben „Garage Inc.“ von 1998 und die „The $9.98 E.P. Garage Days“ aus dem Jahr 1987. Daran schließt sich das Bootleg „The Complete Garage Days“ von 1998 an. Hier sind alle Einflüsse von Metallica vereint. Von Black Sabbath über Misfits hin zu Motörhead, Sweet Savage, Diamond Head zu Mercyful Fate. Zum Vervollständigen sollte auch die 1984 erschienene LP „Creeping Death/Jump In The Fire“ nicht fehlen, die zwei EPs in einer Neuauflage vereint und die frühen Klassiker in Studio- und Liveversionen enthält.

Verzichtbar

„St. Anger“ bedeutet heiliger Zorn. Und so klingt auch die Liedsammlung von 2003. Mit dem Album ging Metallica durch seine schlimmste Phase. Das schlägt sich in dem Doku-Streifen „Some Kind Of Monster“ und eben auch auf „St. Anger“ nieder. Nach einer Rock-Phase, einem Klassik- und Cover-Ausflug brach die Band beinahe auseinander, weil sie eben keine neue Songs schrieb und seit 1997 vor sich hin dümpelte. Klar, dass sich Bassist Jason Newstedt nicht ausgelastet fühlte und eine eigene Band gründete. Das passte Band-Diktator James Hetfield nicht, der seine Zeit lieber mit Jagen und Saufen totschlug. Er warf Newstedt raus. Mittlerweile scheinen sich aber alle wieder zu vertragen.

Das Alkoholikertrauma entäußerte sich also 2003 in 80 Minuten Geboller, bei dem Lars Ulrich den „genialen“ Einfall besaß seine Snare so zu lockern, dass die Beats so klangen als würde ein wütendes Kind auf eine Blechtrommel einschlagen. Im Kern sind die Songs okay. Aber Ulrich zertrümmerte den Gesamteindruck, der durchaus ohne seinen kreativen Einfall wohlgefällig hätte sein können. Bezeichnend ist im Doku-Streifen auch die Szene bei der Hetfield seinem Ulrich das Trommeln beibringt und wie man einen Takt hält.

Über das Kooperationsalbum mit Singer-Songwriter Lou Reed namens „Lulu“ braucht man keine Worte zu verlieren. Konzept hui, Umsetzung pfui. Schade um die Zeit und ums Geld. Nach „Death Magnetic“ ein Schlag ins Wasser. Es gibt aber auch noch ein Bootleg, wo Metallica seine Klassiker im Jazzformat präsentiert. Ein Griff ins Klo – swinging „Creeping Death“? Nein danke!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s