Zurück in die Vergangenheit: Gary Moore

Gary Moore 2007, fotografiert von Scott Hunter.

Gary Moore 2007, fotografiert von Scott Hunter.

Seit meine Schwester „Still got the blues“ hörte und mochte, hörte mein Interesse an Gary Moores Musik plötzlich auf. Das war 1990. Vorher kannte ich ihn von seinem 1989er Studiowerk „After the war“. Ein Feuerwerk an Kraft und Energie entfesselte Moore auf dem Album, wo nur die Creme de la Creme des Hard Rock zu hören war. Für einen 15-jährigen Teenager besaß die Musik eine gewisse Anziehungskraft. Dann die lasche Blues-Nummer, die alles zunichte machte.

Warum auch immer. Hinzu kam noch das wachsende Interesse für härteren Stoff aus der Metal-Hölle. Dabei ist Gary Moore mehr als nur ein Gitarrengott. In seinen Liedern merkt man gleich, dass hier jemand sich etwas bei seiner Musik denkt. Dabei sind nicht nur die treibenden Nummern auf „After the war“ wahre Hinhörer. Blickt man tiefer in Moores Vergangenheit, öffnet sich ein Fundus an musikalischen Schätzen, die man wohl erst zu mögen beginnt, wenn einem der oberflächliche Auswuchs zuwider geworden ist.

Auf dem ersten Blick wirkt Moores Schaffen langweilig. Der 1952 geborene und 2011 zu früh entschlafene Gitarrist bietet beim näheren Hinsehen mehr als ein typisches One-Hit-Wonder. Moore trat nicht mit Maske auf, bot auch keine extravagante Bühnenshow wie Kiss und Iron Maiden, sang auch nicht über Götter, Teufel und Tod wie unzählige Klischee-Metalbands. Der Wegbereiter von Thin Lizzy bot Themen von der Straße dar. Es geht bei ihm um Liebe, Enttäuschungen, Schmerz, Erfolge, Misserfolge, Wut und Trauer. Themen, die den Horizont des kleinen Mannes betreffen, aber auch weiter gesponnen werden können.

Gary Moore startete seine Karriere als 16-jähriger Nobody als er einen Gitarristen bei der irischen Rockband Skid Row ersetzte. Das war 1968. Dort befand sich schon ein gewisser Phil Lynott, der seit 1970 mit seiner eigenen Band Thin Lizzy große Erfolge in den Siebzigern und frühen Achtzigern feiern sollte. Moore indes verdingte sich als Studiomusiker nachdem er mit seinem ersten Soloalbum „Grinding Stone“ einen Bauchklatscher hinlegte. 1974 stieß er nur für kurze Zeit zu Thin Lizzy, wo aber seine Gitarrenspuren auf „Nightlife“ nicht verwendet wurden. Stattdessen wurden sie vom Gitarren-Doppel Brian Robertson und Scott Gorham ersetzt, außer beim Song „Still in love with you“.

Moore verließ Thin Lizzy, war aber 1978/1979 wieder Teil der Band. Gemeinsam mit Phil Lynott komponierte Moore sein erstes wirkliches Debüt „Back on the streets“, das 1978/79 erschien. Moore wirkte als Gitarrist auch an den beiden Lizzy-Veröffentlichungen „The Continuing Saga of the Ageing Orphans“ und „Black Rose“ mit, war als Gastmusiker auch beim letzten Lizzy-Auftritt mit Phil Lynott 1983 im Londoner Club Hammersmith Odeon zugegen. Verewigt wurde die Aufnahme auf dem Live-Vermächtnis „Life:Live“.

Das sind nur Episoden im Vergleich zu Moores wirklichen Schaffen als Solokünstler. Mit seinen Alben „G-Force“ (1980), „Corridors Of Power“ (1982), „Victims Of The Future“ (1984) und „Run For Cover“ (1985) begann er dem leblos danieder liegenden Hardrock der Siebziger neuen Leben einzuhauchen. Mit den vier Alben schuf sich der Ausnahmegitarrist einen sicheren Platz zwischen den damals angesagtesten Bands und Künstlern wie Whitesnake, Deep Purple, Van Halen, Iron Maiden, Dio, Black Sabbath, Judas Priest, Michael Schenker Group, Scorpions,  Judas Priest, Motörhead und Ozzy Osbourne. Vor allem „Victims Of The Future“ besitzt mit Titeln wie „Shapes Of Things To Come“, „Empty Rooms“ und „Murder In The Skies“ das Format eines Klassikers.

Mit „Run For Cover“ baute Moore seinen guten Ruf als Hardrock-Musiker der Extraklasse weiter aus. Bot er mit der Wiederaufnahme von „Empty Rooms“ eine reifere Ballade ab als auf „Victims Of The Future“. Mit „Reach For The Sky“ und „Out In The Fields“ gesellten sich weitere bärenstarke Nummern hinzu. Auf „Military Man“ war auch Moores langer Weggefährte Phil Lynott zu hören. Ebenso auf „Out In The Fields“. Zu dem Zeitpunkt plante Phil Lynott sein Comeback mit Thin Lizzy.

Auch sonst brilliert der Saitenhexer auf „Run For Cover“ in jeder Minute. Als aber 1987 „Wild Frontier“ erschien waren Kritiker und Fans gleichermaßen aus dem Häuschen. Moore besann sich auf seine irischen Wurzeln und mixte sie mit feurigem Hardrock der Oberklasse. Allein der Song „Over The Hills And Far Away“ ist der Anker für ein rundum gelungenes Album, das ganz dem 1986 verstorbenen Freund Phil Lynott gewidmet war, der auch einige Beiträge zu dem Werk beisteuern sollte. Der Erfolg wurde 1989 von „After The War“ gekrönt, das noch wilder aus den Boxen dröhnte und nichts von Moores künftigen Ausflügen in den Blues erahnen ließ.

Dabei kam der Mann vom Blues. Logisch auch sein Schritt zurück zu dem Genre, das Moore ebenso sicher zu spielen verstand wie den Hardrock. Ab „Still got the blues“ kannte ihn nun auch jede Hausfrau, die verwundert auf sein früheres Schaffen schaute. Sofern sie es überhaupt mitbekam. Live spielte Moore seine Hardrock-Titel nicht mehr. Aber seit seinem 1997 erschienenen Studiowerk „Dark days in paradise“ schien er wieder zum harten Stoff zurückkehren zu wollen. Tatsächlich hatte der Gitarrist, Liedermacher und Sänger zuletzt vor, 2012 ein Hardrock-Comeback zu starten. Seine Pläne durchkreuzte ein schwerer Herzinfarkt, den Moore in dem spanischen Kempinski Hotel in Estepona am 6. Februar 2011 im Schlaf erlitt. Eine Folge seines starken Alkoholkonsums. Davon hatte er in der Todesnacht auch reichlich konsumiert, wurde nach Bluttests festgestellt.

Gary Moores Schaffen bleibt aber den Menschen erhalten. Sie können feststellen, dass der begabte Gitarrist vielseitig talentiert war und in vier Jahrzehnten seine Spuren hinterließ. Herausragend ist sowohl sein Hardrock-Vermächtnis als auch sein Wirken als Blues-Gitarrist, wenn auch sein Stern in den letzten Jahren vor seinem Tod zu sinken schien.

Der Backkatalog von Gary Moore erscheint auf dem ersten Blick unsortiert. Vorwiegend Zusammenstellungen, Live-DVDs und Blues-Alben dominieren das Bild des Gitarrenhelden. Man muss etwas suchen, um die Perlen aus den Achtzigern auszugraben. Fast alle Alben gibt es zu sehr günstigen Preisen von 6 bis 9 Euro. „Back On The Streets“ wird im Schwarzmarkt hoch gehandelt. Das Debüt „Grinding Stone“ findet man gar nicht. Zeit für eine Neuauflage? Auf die im Internet angebotenen Kopien seiner Werke sollte man verzichten. Denn die Qualität ist ziemlich unter aller Kanone. Außerdem ist es viel schöner, ein griffiges Exemplar seiner Alben mit allen Infos und Texten in der Hand zu halten als sich über die schwankende Qualität herum ärgern zu müssen.

Die wichtigsten Alben als Orientierungspfad:

Unverzichtbar

„After The War“ ist mein persönlicher Liebling von Gary Moore. 1989 erschienen, wirken hier Power-Drummer Cozy Powell und als Gast Ozzy Osbourne mit. Was allerdings an dem Album mittelmäßig sein soll, wie das deutsche Metalmagazin „Rockhard“ 1989 feststellte, ist unbegreiflich. Songs wie das Titelstück „After The War“, die Nachäff-Kritik „Led Clones“, die Power-Hymne „Speak For Yourself“ und der Tribut an Phil Lynott mit „Blood For The Emeralds“ zeigen wie kraftvoll Gary Moore auf dem Album zupacken kann. Keine Frage: „After The War“ ist das stärkste Hardrock-Album des Iren. In der re-masterten Version von 2002 gibt es auch Live-Bonusmaterial.

1985 erschien „Run For Cover“.  Auf dem Album zelebriert der Saitenhexer aus Belfast ohne Umschweife wirklich harten Rock. „Run For Cover“ war auch Moores weltweiter Durchbruch – nicht zuletzt wegen der beiden Hits „Out In The Fields“ zusammen mit Phil Lynott und der Neuauflage von der schon auf „Victims Of The Future“ bekannten Ballade „Empty Rooms“. Lynott ist auch bei dem Song „Military Man“ zu hören, der sich selbstsicher in der Thin-Lizzy-Liga bewegt. Bei „Reach For The Sky“ und „All Messed Up“ singt Ex-Deep-Purple-Bassist Glenn Hughes mit. Moore beschäftigt sich auf „Run For Cover“ vorwiegend mit irischen Themen und weiß sie in packende Songs zu gießen.

„Victims Of The Future“ ist der Probelauf für Alben wie „Run For Cover“, „Wild Frontier“ und „After The war“. Bei dem Gitarrengewitter stechen vor allem „Murder In The Skies“ und „Empty Rooms“ heraus. Das Titelstück ist ebenfalls ein Klassiker des Iren. Ursprünglich sollte das Album nach dem letzten Lied „The Law Of The Jungle“ heißen, doch „Victims Of The Future“ hielt der Meister an der Sechssaitigen als noch besser. „Victims Of The Future“ bietet vom Anfang bis Ende wundervollen Hardrock, der noch die Melancholie des Blues atmet.

Das 1987 erschienene Album „Wild Frontier“ wird von vielen als das bessere „After The War“ angesehen. Mit dem irisch-keltisch angehauchten Opener „Over The Hills And Far Away“ könnte man das auch schnell behaupten. Der Song „Wild Frontier“ sollte ursprünglich auch von Phil Lynott wie schon bei „Run For Cover“ bei den Stücken „Military Man“ und „Out In The Fields“ eingesungen werden. Aber der Tod machte dem Unterfangen ein Strich durch die Rechnung. Phil Lynott verstarb noch vor den Aufnahmen. Moore widmete seinem Freund das komplette Album.

Nicht von schlechten Eltern

Mit „Corridors Of Power“ konnte Gary Moore seinen guten Ruf als Hardrock-Gitarrist ausbauen und bot auf dem 1982 erschienenen Album eine ausgereifte Arbeit. Große Hits muss man aber suchen. Ein Stück wie „Don’t Take Me For A Loser“ kommt einem Hit recht nahe, ebenso die Cover-Version des Bad-Company-Stücks „Wishing Well“. Vor allem Moores Gitarrenarbeit sticht auf „Corridors Of Power“ hervor. Aber seine Reifeleistungen sollten noch kommen.

„G-Force“ erschien 1980. Das zweite Album bietet soliden Hardrock, der schon damals ganz die Sprache von Gary Moore spricht. „G-Force“ ist der dritte Solo-Anlauf des Hardrock-Gitarristen nach dem missglückten „Grinding Stone“ von 1973 und dem durchwachsenen Solo-Debüt „Back On The Streets“ 1979. Dem Studioalbum fehlen aber die durchschlagenden Hits, die ab „Victims Of The Future“ zum Markenzeichen des irischen Gitarristen werden sollten. Songs wie „Dancin'“ und „The Woman’s In Love“ machen aber Laune auf mehr.

Moores Blues-Einstand „Still Got The Blues“ sollte in der Auflistung aber nicht fehlen. Zwar leidet ein wenig Moores Eigenständigkeit, weil er auch bei dem nicht zu verachtenden Nachfolger „After Hours“ vorwiegend Coverversionen spielt. Seine Vorliebe für nachgespielte Blues-Standards sollte letztlich in das Cover-Album „Blues For Greeny“ münden, das 1995 erschien. Da lag der Erfolg von „Still Got The Blues“ in weiter Ferne.

„Dark Days In Paradise“ ist das erste richtige Studioalbum von Gary Moore, das ohne Coverversionen auskommt. Auf der 1997 von Chris Tsangarides produzierten Scheibe widmet sich Moore wieder härteren Blues zu ohne ganz zum Hardrock überzuwechseln.

Geheimtipps

Gary Moores Debüt „Grinding Stone“ scheint wohl keiner zu kennen. Auf der 1973 veröffentlichten Scheibe zelebriert Moore noch Blues betonten Rock, der ein wenig psychedelisch rüberkommt. Auf dem 1979 veröffentlichten „Back On The Streets“ wirkte Thin-Lizzy-Kopf Phil Lynott mit, aber anders als bei dem folgenden „G-Force“ wirkt hier alles noch sehr durchwachsen und unausgereift. Komplettisten können aber beruhigt zugreifen. Allein schon wegen Moores Gitarrenarbeit.

„A Different Beat“ von 1999 ist wohl auch eines der unbekannteren Werke des Saitenhexers. Außer der Coverversion von Jimi Hendrix‘ „Fire“ bietet der Ire eigenes Material. Blues, mal wieder. Ebenso unbeachtet scheint der Nachfolger „Back To Blues“ von 2001, wo Gary Moore auch vorrangig eigene Songs versammelt. Die Veröffentlichung ging wie die vorigen Alben in den Neunzigern den meisten am Gehörgang vorbei, was aber nichts über die Qualität seiner Arbeit aussagen sollte.

Moores Wiedererweckung für Rockmusik heißt „Scars“. Das 2002 erschienene Werk erinnert wieder an Moores alte Tage in den Achtzigern. „Scars“ ist auch kein typisches Solo-Album sondern ist ein Bandprojekt von Moore mit der britischen Rockband „Scars“ aus dem Ex-Bassisten von Skunk Anansie, Cass Lewis und dem Ex-Drummer von Primal Scream, Darrin Mooney.

Zurück zum Blues hieß es dagegen mit „Power Of The Blues“, einem weiteren Solowerk von Gary Moore. Nach dem Ausflug in die Rockgefilde dürfte das 2004 veröffentlichte Album wieder für enttäuschte Gesichter gesorgt haben. Liebhaber von Moores Gitarrenspielereien werden hier sicher auf ihre Kosten kommen. Ähnlich ausgerichtet auch das kaum wahrgenommene „Old New Ballads Blues“ von 2006. Auf „Close As You Get“ kehrt Moore wieder (wenn auch nur teilweise) zum Rock zurück. Gemeinsam mit Ex-Thin-Lizzy-Drummer Brian Downey frönt Moore auch hier vorwiegend dem Blues. Hoffnungen der alten Fans, Moore würde mit dem Zusammenschluss eines Mitglieds von Thin Lizzy zurück zu alter Stärke kehren, wurden mit dem Album endgültig begraben.

„Bad For You Baby“ wird von vielen Fans als das beste Blues-Album von Gary Moore bezeichnet. Die Gratwanderung zwischen Rock und Blues gelingt ausnahmslos. Das 2008 veröffentlichte Studiowerk ist das letzte Lebenszeichen des Ausnahmegitarristen, der am 6. Februar 2011 an einem Herzinfarkt starb. Danach folgten wieder Live-Alben und Liedersammlungen.

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