Zurück in die Vergangenheit: Thin Lizzy

Thin Lizzy by Denis O'Regan
Thin Lizzy by Denis O’Regan

In Dublin steht sein Denkmal. Der 2011 in Spanien an einem Herzinfarkt verstorbene Gitarrist Gary Moore sagte über ihn, dass er der dunkelste Ire an seiner Seite war. Die Rede ist von Phil Lynott. Seines Zeichens Sänger und Kopf der irischen Rockband Thin Lizzy, deren Namen die Deutschen auch noch falsch aussprechen. Leider ist Lynott schon seit 1986 tot. Aber sein musikalisches Vermächtnis kennt kein Verfallsdatum.

Im Frühjahr 2012 war Thin Lizzy gemeinsam mit Judas Priest auf Tournee. Nach ihrer Auflösung 1983 und dem 1986 erfolgten Ableben des Bandgründers und kreativen Pols hielt es kaum einer für möglich, dass Thin Lizzy noch einmal aufleben wird. Selbst für mich nicht, der erst 1989 auf die Bande aufmerksam wurde. Auf DT64 spielte ein DJ den Song „Got to give it up“, der auf dem Doppel-Live-Album „Life:Live“ von 1983 in einer besonders bewegenden Version zu hören ist, gefolgt vom düsteren „Angel of death“ auf einem Heavy-Metal-Sampler der achtziger Jahre des Musikmagazins „Metal Hammer“.

Wer ist die Band, die als „Tin Lizzy“ ausgesprochen aber mit „Th“ geschrieben wird? Iren! Rocker! Stars! Thin Lizzy und ihr Umfeld war der Hort für Künstler wie den später sehr erfolgreichen Gary Moore, oder Midge Ure, der mit Ultravox in den Achtzigern durchstartete. Oder u2! Phil Lynott betreute die jungen Musikusse um Bono als sie noch in den Kinderschuhen steckten. Neben Thin Lizzy war u2 Lynotts größtes Vermächtnis.

Der am 20. August 1949 in West Bromwich, Birmingham geborene Mann war wohl der bunte Hund in den Straßen von Dublin – aber er sah sich als waschechter Ire. Sein Vater, ein Guyanese,  Cecil Parris verließ die kleine Familie noch vor Philips Geburt. Er wuchs bei Großmutter Sarah auf. Ein Name, der wie Parris einige Male in Lynotts Songliste auftauchen sollte. Ende der Sechziger Jahre traf Phil ein erstes Mal auf Gary Moore. Beide gründeten die Rockband Skid Row, die damals wie heute kaum einer kennt. Man trennte sich, doch die Wege der beiden trennten sich nicht. Mehrmals nahmen beide Musiker zusammen Songs und Alben auf.

Thin Lizzy indes ging erst einmal mit Lynott eigene Wege. Erst 1972 fanden Moore und der hochgewachsene Bassist mit der dunklen Haut für die Aufnahme vom vierten Studioalbum „Nightlife“ zueinander. Zu hören ist Moore nur auf dem Song „Still In Love With You“. 1977 war Gary Moore wieder im Thin Lizzy-Umfeld zu hören. Er ersetzte den verletzten Brian Robertson während einer Tournee. Roberston sollte später bei Motörhead für unliebsame Zwischenfälle sorgen.

Gary Moore indes setzte sich mit Phil Lynott zusammen und kümmerte sich um die Liedsammlung „The Continuing Saga Of The Ageing Orphans“ an der auch Keyboarder Midge Ure mitwirkte. 1979 erschien sie. Das war für Lynott und Moore auch das fruchtbarste Jahr. Zum selben Zeitpunkt erschien das bis dato erfolgreichste Studioalbum „Black Rose“ und Gary Moores Solowerk „Back On The Streets“, das in enger Zusammenarbeit mit Phil Lynott entstand und von vielen als weiteres Thin Lizzy-Album angesehen wird.

Aber die Alben „Nightlife“ (1975), „Jailbreak“ (1976), „Johnny The Fox“ (1976) und „Bad Reputation“ (1977) begründeten mit ihrer Mischung aus Blues, Rock und Soul den Erfolg der Band, die heute ohne Lynott seit 2011 wieder umher tingelt. Selbst der Sound von „Renegade“ (1981) atmet noch jene Studioluft, als noch keine digitale Technik Einzug hielt und alles noch analog aufgenommen wurde. Alles klingt warm und freundlich und vor allem lässig.

Die Aggressivität des Hard Rock wurde von der Melancholie des Blues gezähmt. Selbst auf der Bühne war Thin Lizzy so cool, dass irgendwelche Posen keine Spur von Aggression und Machismo besaßen. Im Gegenteil! Lynott erschien immer als freundlicher Typ, der wahnsinnig viel Spaß auf der Bühne hatte. Man kann das noch immer anhand alter Videos im Internet sehen. Die Konzertausschnitte stammen meist von Videos wie „At Rockpalast – live 1981“, „The Boys Are Back in Town: Live In Australia 1978“ und eben „Live And Dangerous“.

Was mich allerdings immer noch bewegt ist der Sound von Thin Lizzy. Die Wärme der E-Gitarren. Alles wirkt räumlich und herzlich. Egal wer als Produzent an den Studioalben wirkte, Phil Lynott, John Alcock, Tony Visconti oder Chris Tsangarides – Thin Lizzy besaß immer sein unverwechselbares Gesicht. Nicht zuletzt geschah das durch Lynott. Und seine Melancholie in seinen Kompositionen! Ein Song wie „The Sun Goes Down“ vom 1982 erschienenen Studioalbum „Thunder And Lightning“ kann noch so traurig wirken, es steckt immer Hoffnung drin. Es ist die Wehmut von den „Vagabonds of the Western World, die auch mal in die Härte eines „Cold Sweat“ umschlägt. Thin Lizzy legte sich musikalisch nicht fest. Von Heavy Metal kann keine Rede sein. Auch nicht von Klischees. Phil Lynott war ein echter Poet. So klingen auch seine Alben.

Egal welches Album man herauspickt, Thin Lizzy empfängt einen mit einer heißen Tasse Kaffee und wärmenden Worten. Als ob ein Freund zu einem sagen würde: „Schön, dass du da bist. Bleib doch, bedien‘ dich aus meinem Kühlschrank. Inzwischen spiele ich dir was vor. Hey, und übrigens ist das meine Freundin Susi.“ – Oder so ähnlich. Bei welcher Band hat man so ein Gefühl denn noch wenn nicht bei Thin Lizzy? Danke dafür!

Zur Zeit werden sämtliche Studio- und Live-Alben sowie DVDs von Thin Lizzy für unschlagbare Preise von 6 bis 10 Euro angeboten. Oftmals handelt es sich um CDs, die in den neunziger Jahren und zuletzt 2007 aus dem Presswerk kamen. Grund genug, mal in der Ramschkiste zu stöbern. Inzwischen werden alle Scheiben auch als „Deluxe Remastered Versionen“ im Handel feilgeboten. Damit gehen auch viele Boni und Extras einher. Noch sind die neugepressten Scheiben mit Preisen um die 19 Euro entsprechend teuer, aber gut Ding will Weile haben. Sammler könnten in einem Jahr auf ihre Kosten kommen, wenn man sich die in die Keller fallenden CD-Preise ansieht. Illegale Downloads, die auf zahlreichen Blogspot-Seiten und bei der Suchmaschine „Filestube“ beworben und deren Links zu Download-Portalen wie „Deposit-Files“, „Rapidshare“, „Mediafire“ u.v.a.m. führen, sind dringend abzuraten – schon allein wegen der mangelhaften Qualität der angeboten MP3-Dateien.

Die wichtigsten Alben als Orientierungspfad:

Unverzichtbar

„Jailbreak“ aus dem Jahr 1976 ist wohl der große Wurf von Thin Lizzy in den siebziger Jahren. Mit gleich fünf Hits besitzt „Jailbreak“ Nehmer- und Geberqualitäten. Das sind: Emerald, Warriors, The Boys Are Back In Town, Jailbreak und Cowboy Song. Auch die anderen Lieder unterstreichen den bluesigen Stil der 1969 gegründeten Band und können mit den ganz großen Nummern mithalten.

„Black Rose“ wurde bekanntlich 1979 mit Gary Moore eingespielt und ist (für mich) neben „Jailbreak“ die zweite Hausnummer von Thin Lizzy in den Siebzigern. Neben dem kleinen auf ein irisches Revolutionsgedicht aus dem 17. Jahrhundert basierenden Epos „Black Rose (Roisin Dubh)  tummeln sich der Hit „Waiting for an alibi“, die Ballade „Sarah“ und die Melancholie-Rocker „I got to give it up“ auf der Scheibe, die mit „Toughest street in town“ noch einen ordentlichen Rocker am Start hat, den die Band hinter einem typischen „Classic“ namens „Do anything you want to“ versteckte. Dagegen wirkt die Funk-Rock-Nummer „S & M“ etwas zu nervös.

„Renegade“ wird von Kritikern neben „Chinatown“ als die wichtigste Scheibe von Thin Lizzy in den Achtzigern betrachtet. Zu Recht! Findet sich auf dem 1981 erschienenen Werk alles, was Fans an der Band so mögen. Angefangen von dem düsteren Rocker „Angel of death“, der melodiösen Hymne „Renegade“, hin zu einem weiteren Höhepunkt wie „Leave this town“ und dem Hit „Hollywood“. Die übrigen Songs pendeln zwischen klassischen Thin Lizzy-Bluesern und kleinen experimentellen Einsprengseln.

1976 erschien „Johnny The Fox“. Auf der Scheibe vereinen sich Hits wie „Don’t believe a word“, das später 1988 von Iron Maiden als Verbeugung ge-coverte „Massacre“, „Johnny“ und „Johnny The Fox meets Jimmy The Weed“. Die anderen Titel brauchen sich auch nicht verstecken. Ein rundes Album, das durch das erzählerische Konzept in sich geschlossen wirkt und deswegen auch sehr gut in die Top-Liste der Lizzy-Alben passt.

1978 erschien das Live-Album „Live And Dangerous“, das fast schon keines mehr ist. Produzent Tony Visconti verwendete hier Overdubs. Teile des aus zwei Konzertmitschnitten von 1977 und 1978 bestehenden Albums wurden also im Studio nachgebaut. Hier befinden sich alle großen Hits der Band und sollte schon allein deswegen das Einsteigeralbum überhaupt sein. Zur Vervollständigung sollte als weiteres Best-Of das 1983 veröffentlichte Live-Album „Life:Live“ dienen. Eine DVD erschien zu „Live & Dangerous“ auch – mit Interviews ein günstig zu beschaffenes und sehenswertes Stück Musikgeschichte.

2009 wurde ein neues Live-Vermächtnis von 1977 von der „Bad Reputation“-Tour in die Plattenläden gestellt. Die Songauswahl gleicht im Wesentlichen der von „Live And Dangerous“, kommt aber mit weniger Overdubs ums Eck und wirkt so authentischer. Außerdem ist noch eine Doppel-CD der „BBC-Session“ erhältlich und für Sammler unverzichtbar und recht preiswert zu haben.

Nicht von schlechten Eltern

„Bad Reputation“ von 1977 ist das Album worauf der Single-Hit „Dancing in the moonlight“ ist, aber sonst keine nennenswerten Höhepunkte vorhanden sind. Die Band wirkt eingefahren. Mit „Southbound“ ist noch ein weiterer Lichtblick vorhanden. Trotz dass „Bad Reputation“ routiniert klingt, ist das Album eine angenehme Hängematte aus interessanten Lead-Gitarren-Harmonien, Blues-Rock und dem angenehmen Gesang von Phil Lynott.

„Fighting“ ist das zweite typische Thin-Lizzy-Album nach „Nightlife“ und besitzt mit „Suicide“, „Spirit Slips Away“ und „Rosalie“ knackige Stücke. Aber auch die anderen Songs sind nicht zu verachten. Man achte auf den Gitarrensound von Brian Robertson bei „Rosalie“, der auf auf dem 1975 erschienenen Studioalbum noch schön rau und ruppig rüberkommt. Erinnert fast schon an die kommende Punk-Welle. „Wild One“ arbeitet bereits mit doppelläufigen Harmonien, die erst so richtig zum Tragen kamen.

Fans mögen das mit dem Tygers-Of-Pan-Tang-Gitarrist John Sykes aufgenommene und 1983 erschienene Werk „Thunder & Lightning“ nicht so sehr. Sykes brachte die Härte der New Wave Of British Heavy Metal in die Band. Darunter leidet die Melancholie des Blues. Vielleicht ist „Thunder & Lighning“ für Thin Lizzy das, was „Another Perfect Day“ für Motörhead ist. Bei Lemmy rockte Ex-Lizzy-Gitarrist Brian Robertson und war lange Zeit bei den Fans der Sonderling in Motörheads Biografie. Das letzte Studiowerk von Thin Lizzy mit Phil Lynott besitzt aber mit „The sun goes down“, „Holy war“ und „Cold sweat“ dennoch drei gute Nummern. „Baby please don’t go“ sticht auch angenehm heraus.

„Chinatown“ ist das Album mit Midge Ure im Hintergrund. Beim Titelsong singt er mit. Mit den beiden Nummern „Chinatown“ und „Killer On The Loose“ gibt es zwei handfeste Nummern. Bedenkt man, dass das Album 1980 erschien, dann fällt der leicht antiquierte Sound auf. Trotzdem sind Lieder wie „Genocide (The Killing of the Buffalo)“ und „We will be strong“ unverzichtbar für die heimische Anlage.

1974 erschien „Nightlife“ und hat eingängige Nummern wie „Shalala“ und eine schöne Ballade „Still in love with you“ am Start. Hier ist Gary Moore zu hören, der zunächst auch das gesamte Album an der Gitarre einspielte. Aber die Neuzugänge Scott Gorham und Brian Robertson spielten Moores Parts als Doppel neu ein. Auch sonst ist das Album ein Hörgenuss, weil es die warme Soulstimme von Phil Lynott mit Blues und Rock’n’Roll angenehm vereint.

Geheimtipps

Eigentlich sind die ersten drei Alben in der Frühphase von 1971 bis 1973 noch als erste Gehversuche zu verstehen. Das Debüt „Thin Lizzy“ besitzt keine großen Hits und war wie die beiden Nachfolger nicht sehr erfolgreich. Trotzdem können Liebhaber vom bluesigen Hardrock wie bei „Shades of the blue orphange“ zugreifen. Das Album wurde 1979 von Phil Lynott zusammen mit Midge Ure und Gary Moore an den Gitarren unter dem Titel „The Continuing Saga of the Ageing Orphans“ fortgesetzt. Die Phase Ende der Siebziger gilt mit dem gemeinsam mit Gary Moore geschriebenen Debüt „Back On The Streets“ und dem Album „Black Rose“ als die produktivste Phase von Phil Lynott.

Auf „Vagabonds Of The Western World“ befindet sich mit „The Rocker“ ein waschechter Hit. Aber unfreiwillig bekannt wurde die Thin Lizzy mit der Single-B-Seite „Whiskey In The Jar“. Live wurde das 1998 von Metallica ge-coverte Lied von Thin Lizzy übrigens nie gespielt. Jetzt hat sich das nach der Wiederbelebung mit dem Ex-The-Almighty-Chef Ricky Warwick als Front-Trümmerfrau freilich geändert. In der 2010 re-masterten Version wurde die LP mit den Single-B-Seiten, Re-Mixen und einer umfangreichen BBC-Live-Aufnahme bereichert.

Das 1983 erschienene Doppel-Live-Album „Life:Live“ sollte man sich allein wegen der schönen Aufnahme von „Got to give it up“ zulegen. Die 1990 veröffentlichte Doppel-CD gibt es mittlerweile in der Ramschbox für 5,55 Euro im Handel. Zu Unrecht bekommt das Werk wie die anderen auch den Billigheimer-Stempel aufgedrückt. Dafür sind hier wunderschöne Hits versammelt. Ergänzt wird das Ganze mit einem schönen aufklappbaren Booklet. Nur der Sound unterliegt gewissen Schwankungen und kommt nicht so sauber aus den Boxen wie bei „Live And Dangerous“. Dafür ist der Klang auf „Life:Live“ hundertprozentig live und unverfälscht.

Hier geht es zur gut sortierten Webseite von Thin Lizzy

http://www.thinlizzy.org/

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