Dicker Dreizack: Prong meißelt Musik in Stein

Prong 2012 (Foto/Copyright by Prong)

Prong 2012 (Foto/Copyright by Prong)

Es war ein diesiger Sommernachmittag 1992 auf der Leipziger Gorkistraße. Leipzig-Schönefeld. Hübsche Gegend, die damals wie heute etwas herunter gekommen schien und scheint. 1992 war aber alles im Boom begriffen. Fette Zeiten für Leipzig. Und auch für mich. Denn ich erwarb in einem winzigen Plattenladen eine LP. „Prove you wrong“ stand da drauf.

1992 war das Jahr als ich bereits ein Jahr als Azubi in einem Betrieb jobbte. Die äußeren Spuren eines Neo-Nazi-Überfalls zum 3. Oktober 1991 waren äußerlich verschwunden. Ich konnte wieder sorglos auf Baustellen herumtrampeln und nasse Tapeten an die Wände klatschen. Ich kaufte auch fleißig Heavy-Metal-Alben. Vor zwanzig Jahren gab es die noch regulär als Vinyl. Also kaufte ich Vinyl, obwohl mein Plattenspieler fürchterlich war. So kaufte ich auch die neueste Scheibe von den New Yorker Krachmachern von Prong als große schwarze Vinylscheibe. Die erschien zwar schon im September 1991. So lange rang ich mit der Entscheidung, weil ich als Death-Metal-Fan nicht auswimpen wollte – also abschmieren. Ich mochte aber diesen kalten Ostküstensound, der so heterogen auf die Ohrmuschis eines 18-jährigen Freundes stampfender Klänge Eindruck schindete.

Anthrax, Overkill, Biohazard, Carnivore, Life of Agony, S.O.D. und eben Type O Negative machten für mich den Sound von New York aus. Nicht der Sound aus dem Film „Fame“. Ganz anders eben als der bunte Westküstensound der Bay Area. Oder der dumpfe Florida-Death-Metal-Sound, oder die klirrenden Kassettenrekorder-Aufnahmen aus Norwegen. Deutschland bot ja 1992 nicht viel an Stoff. Bei Prongs Musik stellte ich mir „Fame“ sei Dank immer kalte Luft und Gullydeckel und Klimaanlagen vor, aus denen es immerfort dampfte. Die Typen trugen in meiner Vorstellung immer die komischen Wollmützen, Lederjacken, Strumpfhosen, Wollsocken und Boots. Proberäume in stinkigen Kellerlöchern alter Industriegebäude, billiges Bier, noch billiger Schnaps und hässliche Typen, die sicher nicht mal im Puff eine Frau abkriegen würden. Das war Prong. „Prove you wrong“ war 1992 ihr Statement zu dem abgefuckten Leben. Abgehackte Stakkato-Attacken wie „Unconditional“ unterstrichen die Botschaften aus den Slums, wo man noch illegal recht gut leben konnte. Ein Traum. Komplette Gesellschaftsflucht.

Prong besaß sogar den Mut wie fast zur selben Zeit die Schweizer Metal-Tüftler von Coroner, eine Band zu covern, die rein gar nichts mit Metal zu tun hatte. War es bei den Drei von Coroner The Beatles mit ihrem Wahnsinns-Stück „I want you“, so besaßen Tommy Victory, Troy Gregory und Ted Parsons die sympathische Frechheit The Stranglers nachzuspielen – und wie! „Prove you wrong“ war das Album überhaupt, das mich als Teenager prägte. Danach konnte nur alles anders werden. Mit dem 1994 erschienenen „Cleansing“ langweilte die Band mich jedoch. Sie wurde eingängiger. Ein Schritt, der der Band nicht nur gut tat wie es sich später herausstellte. Aber in den Billboard-Charts konnte man damit landen. „Scorpio Rising“ bekam ich schon gar nicht mehr mit.

Doch als „Power of the damager“ 2007 erschien, packte mich der New Yorker Dreizack erneut am Schlafittchen. Denn nichts anderes heißt „Prong“. Hymnen über Hymnen. Das Triumvirat aus schweren Gitarrenriffs, stumpfem Beat und heiserem Gesang brachten Erinnerungen zurück. Zurückblickend erscheint „Prove you wrong“ als experimentellstes Werk der drei Krachmacher, die in der Metalszene so anders sind. Keine Klischees, keine Anbiedereien, keine Nachäfferei. Nur die glasklare Ansage, aus den Stilübungen des Industrial, Hardcore Punk und Heavy Metal das ätzendste Gebräu zu mischen, das man je wahrnehmen kann. Ohne Umschweife auf den Punkt. So auch „Carved into stone“. Ein bisschen weniger stumpf auf CD gegossen, differenzierter im klanglichen Erscheinungsbild aber genauso heavy wie die Glanztaten aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern. Schon der Einstieg „Eternal Heat“ läuft so manchem Pantera-Klassiker den Rang ab und lässt die deutschen Ruhrpott-Thrasher von Kreator, Sodom & Co. ziemlich alt aussehen. So schreibt man knackige Songs, die sich nicht im Kreis drehen und wie eine Kopie von einem selbst klingen.

Während aber „Power of the damager“ vor fünf Jahren noch nicht aus dem Knick kam, gelingt es dem Dreier auf „Carved Into Stone“ leichtfüßigere Hassbatzen zu schreiben. Die elf Titel eint der wundervolle Sound, der von Steve Evetts geschaffen wurde. Er war auch für das Klangbild von Dillinger Escape Plan und Every Time I Die verantwortlich. Nicht nur in punkto Sound besinnt sich Prong auf alte Stärken. Die Art wie das Trio seine Lieder schreibt erinnert wieder an das, was Prong vor zwanzig Jahren ausmachte: Sperrige Hits mit wenig Einfühlungsvermögen. Hier regiert der eiserne Handkantenschlag eines wütenden Polizisten, der einen Junkie verkloppt. Oder als ob jemand eine brennende Metalltonne eine New Yorker Straße herunter kullern lässt, hinter der ein paar frierende Penner laufen und wie blöd durcheinander brüllen. Mit „Revenge“ gelingt Tommy Victor sogar ein waschechter Hit, der ganz in der Manier von „Prove you wrong“ und „Cleansing“ stehen könnte. Genauso geht es auch „State of Rebellion“.

Die Schallplatte, die ich vor zwanzig Jahren in der Leipziger Gorkistraße erwarb, habe ich aber inzwischen nicht mehr. „Carved Into Stone“ kaufte ich anders als „Prove you wrong“ in keinem Laden. Die bekam ich von der Plattenfirma als digitales Geschenk, damit ich mir ein paar Zeilen darüber ausdenke. Ich schwöre hoch und heilig, dass alles das, was ich hier schrieb, der Wahrheit entspricht. „Carved Into Stone“ könnte neben den neuen Platten von Ministry und Fear Factory mein kleiner Ausflug in die metallischen Gefilde des turbulenten Jahres 2012 sein. Ob es mich aber prägt, wage ich mal zu verneinen. So bedeutsam ist Musik im Alter von 38 nicht mehr. Aber ein Anflug von einem wohligen Schauer überkommt mich immer noch beim Hören dieser Dreiviertelstunde aus lauter druckvollen Ohrwürmern.

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