Metallische Außenseiter: Warum Trash trotzdem gut ist

Spiegel Online hatte mal eine Reihe. Das Online-Magazin nannte sie „Hülle, Hülle, Hülle – Peinliche Metal-Cover“. In der 2009 veröffentlichten Rubrik zeigte sich, dass der Redakteur kaum ein Verständnis für die gängigen Klischees in der Metalszene besitzt, die sich selbst augenzwinkernd auf den Arm nimmt.

45 eher witzige Gestaltungsgrausamkeiten zählt Spiegel Online auf, worunter sich auch das wunderbare „Painkiller“-Motiv der britischen Metalvorreiter Judas Priest wieder findet – warum auch immer. Oder der genial-blutige Comicstrip von Cannibal Corpse‘ erster LP „Eaten back to life“, der viele erst dazu bewog, die Scheibe zu kaufen. Ein paar witzige Auswüchse der Marke Do-It-Yourself von Lawnmover Death und Artillery waren genauso darunter wie kitschige Autolackierer-Motive mit Drachentötern, Jungfrauen und Käfigdarstellungen für die Fronthaube. Oder die Metzel-Robbe von Riot – wirklich komisch!

Zu den weniger bekannten Perlen gehört aber die Gestaltung von der belgischen Heavy-Metal-Band Steelover für ihr Studio-Album „Glove Me“. Die war sogar in der DDR erhältlich. Dass die Scheibe in der spiegelschen Auflistung fehlt ist ein großes und unverzeihliches Manko. Denn darauf ist eine vampirzähnige Fetisch-Tussi abgebildet, die mit einer Kette einen hilflosen Mann heranziehen will, dessen gefesselte Hände der Betrachter sehen kann. Die Frau mit der wilden Mähne lächelt lüstern in dem feuchten Kerkerloch – was sie wohl in der wie von Kinderhand gefertigten Zeichnung vorhat?

Hinter dem Kunstwerk steckt kein Geringerer als ein gewisser Eric Philippe, der noch heute als Cover-Artist aktiv ist aber längst keine pubertären Sex-Fantasien malen muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er ist der Gestalter solcher Alben wie die von Artillery, Rhapsody, Artension, At Vance, Avalon, Luca Turilli, Channel Zero, Mob Rules, Holy Mother und vielen mehr.  Das Cover von Rhapsody taucht übrigens auch in der Spiegel-Rubrik auf. Wer hinter dem künstlerischen Blendwerk aber steht recherchierte Spiegel Online jedoch nicht. So wäre man auch auf Steelover gekommen und eben Eric Philippes Treiben in der Metalszene. Das mögen allesamt vielleicht kitschige Bilder sein, die Philippe anfertigte. Aber das Cover von „Glove me“ sticht alle aus. 1984 nahm Philippe nämlich das vorweg was alle Jahre in Leipzig auf dem Wave Gotik Treffen zu sehen ist – in Ledergürtel und Leder-BH gewandete Damen, die die zahlreichen Paparazzi auch mal unter den Rock schauen lassen.

Nichtsdestotrotz verbirgt sich unter der männermordenden Sexfantasie ein Album, das kraftvoll zubeißt. Songs wie „Forever“, „Hold Tight“ und „Need The Heat“ orientieren sich an amerikanischen Vorbildern wie Quiet Riot & Co. Das 1984 veröffentlichte Werk ist eine Ansammlung von Schwermetall-Hits bei der Rockröhre Vince Cardillo sich voll entfaltet, ex-Scorpions-Drummer Rudy Lenners den Songs ordentlich Zunder unterbuttert. Doch allesamt leben die Songs von Cardillos Stimme, der sich in den wenigen noch übrig gebliebenen Konzertaufnahmen als Frau entpuppt. Wer das Album genau anhört, muss feststellen, dass Cardillo wohl nie auf „Glove Me“ sang.

Die melodischen Lieder sind wie für eine weibliche Stimme geschaffen. Tatsächlich schien eine gewisse Dani Klein die Scheibe veredelt zu haben, die später durch die Truppe Vaya Con Dios bekannt wurde und in den Achtzigern mal hier und mal da ihre Stimme verlieh. Erst das sind Geschichten, die Metal-Alben wie das von Steelover so stark machen. Jetzt wird klar, dass hinter einer oberflächlichen Geschichte wie die von einer Plattenhülle doch so viel stecken kann. Und außerdem kann sich „Glove Me“ durchaus hören lassen – aber sehen, wohl eher nicht. Übrigens schaffte die Band nur das eine Werk aufzunehmen, dann versank das Sternchen am Metal-Firmament wieder.

Hier das gute Stück noch einmal in voller Pracht.

Steelover "Glove Me" von 1984 - gestaltet von Eric Philippe

Steelover „Glove Me“ von 1984 – gestaltet von Eric Philippe

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