Dickköpfige Wiederveröffentlichung: „Ram“ von Paul McCartney

Der britische Komponist und Sänger Paul McCartney wird nicht gerade als Inbegriff für innovative Musik gehandelt. Im Gegenteil: der ehemalige Mitstreiter von The Beatles und neben Drummer Ringo Starr der einzig übrig gebliebene Teil der Truppe gilt als Popmusiker, der sich eher auf leichtfüßige Hits versteht. In den Siebzigern ist das anders. Zumindest was sein 2012 wiederveröffentlichtes zweites Solo-Album „Ram“ angeht.

Das in der Reihe „Paul McCartney Archive Collection“ erschienene Studiowerk mit buntem Linolschnitt-Outfit und einem Sir Paul, der einen Widder bei den Hörnern festhält, wurde in seinem Erscheinungsjahr 1971 förmlich von Kritikern und Ex-Musikern in der Luft verrissen. So schrieb seinerzeit das britische Musikmagazin „Rolling Stone“, dass „Ram“ der Tiefpunkt im Zerfall der Rockmusik der Sechziger Jahre sei. McCartneys Ex-Kollege John Lennon bezeichnete „Ram“ als unhörbar, denn McCartneys erstes Solo-Album hätte wenigstens noch einige Lieder enthalten. Ringo Starr urteilte nicht weniger harsch über „Ram“ als er sagte: „Ich glaube, daß Paul in dieses Album nicht alles von dem eingebracht hat, was in ihm steckt. Ram ist nur eine Aneinanderreihung von technischen Tricks.“

Das kann man freilich heute genauso sehen wenn man die re-masterte Scheibe auf den Plattenteller legt. Wenngleich der Einstieg mit „Too Many People“ offenbar gelungen scheint, weil das Lied mit Halleffekten und eingängigen Refrains spielt. „3 Legs“ erscheint als Anlehnung an den schwarzen Blues des frühen 20. Jahrhunderts, entwickelt sich aber zu einem Lied, das auch auf einem der letzten Beatles-Veröffentlichungen Platz gefunden hätte.  „Ram On“ schlägt in eine ähnliche Kerbe. „Dear Boy“ ist wie die anderen Songs ein Echo der letzten Beatles-Phase. Was überall erklingt ist McCartneys glückliches Händchen für griffige Melodien und Harmonien. Allerdings spielt der Liverpooler stark an den Effektgeräten herum, präsentiert manche Songs als interessante Skizzen, die vollendet wohl ganz große Nummern hätten sein können.

Das schroffe und eigenwillige Erscheinungsbild macht aber „Ram“ zu einer kleinen Entdeckungsreise, die einen experimentellen McCartney zeigt. Dem erfolgreichen Zweitling, den McCartney gemeinsam mit seiner Frau Linda schrieb, fehlt es aber an ganz großen Hits. Da erscheint es als Wunder, dass ein Song wie „Uncle Albert/Admiral Halsey als Single die US-amerikanischen Charts 1971 eroberte. Die Ballade besitzt nämlich nichts, was man als Hitwunder bezeichnen könnte. Viel eher ist hier wohl der britische Humor einer Monty-Python-Truppe klanglich zugange.

Eine Wiederveröffentlichung wäre aber keine, wenn man nicht den Freunden von Paul McCartney noch ein paar Boni präsentieren würde. So kommt „Ram“ wie die anderen Wiedergänger in einer aufwändigen Papphülle ums Eck, die man aufklappen und daraus zwei Silberlinge im Vinyl-Outfit entnehmen kann. Dazu gibt es ein umfangreiches Booklet mit allen Texten, bunten Fotocollagen und Fotos aus dem Studio, die während der Aufnahmen gemacht wurden. Da tollen Kinder mit Papa und Mama herum, schmiegt sich Linda McCartney an ihren Mann, ist Paul McCartney ein vollbärtiger Kerl, der ganz viel Farmluft schnupperte und vielleicht so zu sich selbst fand.

Die Bonus-CD hält mit „Another Day“, dem Blues-Rocker „Oh Woman, Oh Why“, „Little Woman Love“, „A Love For You“ noch einige kleinere Überraschungen bereit, zeigt aber auch einen Musiker mit Ambitionen für amerikanischen Folk, Country und Blues. Hätte McCartney da nur mal angesetzt und er wäre einer der großen Singer-Songwriter geworden. Seinen musikalischen Lebenslauf kennt man ja inzwischen. Darin erscheint „Ram“ als ungeschliffener Rohdiamant, den man für sich entdecken sollte.

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