Winky Wonky … Orbital: Elektro in der Neunziger-Schleife

Mit elektronischer Musik ist es so eine zweischneidige Sache. Sie ist kaum lebendiger als eine Herzrhythmusmaschine, aber nicht so tot wie seine größte Bewegung in den neunziger Jahren – der Techno. Wer aber Techno als deutschen Kartoffelstampfer der Marke “Hyper Hyper” deklassiert, tut einem der wichtigsten Protagonisten der Ende der Achtziger in London aufkeimenden Elektro-Szene Unrecht. Neben Autechre und The Prodigy ist wohl das Duo Orbital die anspruchsvollste und zuverlässigste Formation in Sachen Feinschliff.

In seiner 25-jährigen Geschichte veröffentlichten die Gebrüder Paul und Phil Hartnoll gerade einmal acht Studioalben. “Wonky” ist das jüngste Werk der beiden Londoner Szenebegründer. Wie jüngst auch zum Teil bei Autechre geschehen, vollziehen die Hartnolls einen Blick zurück in ihre Vergangenheit. Die Klänge auf “Wonky” erinnern fast an die entrückten Töne auf ihrem “Blue Album”, das zwar 2004 erschien aber dennoch die ätherischen Sphären ihrer Frühphase zu atmen weiß, die Elektro-Jünger schon bei Autechre zu schätzen wussten. Nur dass Autechre weitaus sperriger ihren Elektrostoff servieren als Orbital. Denn die Hartnolls verstehen es tanzbare und griffige Rhythmen in sanfte und gläsern erscheinende Klangmäntel zu packen. Beispiel? Bei “New France” erscheint wie eine Fata Morgana aus den Neunzigern jene Frauenstimme, die mit ihrem Heldinnengesang wie eine herunter gekommene Elfe klingt. Remember Tanzbeat-Techno, remember Moby, … von Orbital nur klüger und ausgeklügelter umgesetzt als bei den Mark Oh’s der Welt.

Warum? Die Gebrüder Hartnoll denken mit Herz und Hirn. Sie schrauben, schichten und schleiern ihre Musik. Die Amplituden ihrer Sequenzer können so nur ein kompaktes, aber kein heilloses Bild ergeben. Wenn das nicht sexy für einen Elektro-Kenner ist, wie für den Rocker seine E-Gitarre, der seiner Sechssaitigen ein jämmerlich gegniedeltes Solo ausquetscht? Bleibt man bei dem Vergleich Elektro versus Rock, dann kann Orbital für den Techno nur das sein wie eine anspruchsvolle Progressive-Rock-Band für den Heavy Metal. Die Hartnolls machen echte Strommusik. Und die klingt streckenweise, dass sie auch auf akustischen Instrumenten funktionieren könnte. Aber genug der Vergleiche. Denn bei all den Klischees der längst verblichenen Hitparaden-Mitläufer und Trittbrettfahrer ist Orbital der Trüffel, der geschliffene Diamant. “Wonky” ist der beste Beweis.

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